Breslauer Hütte 2844 m

 
 

Jahrhun­derts die feinen Leute halb Europas, vor allem aber Adlige und gebildete Städter, in die Berge und auf die Gip­fel trieb. Als die närrischsten unter ih­nen, die Engländer, 1857 ihrem Spleen in Gestalt des Alpine Club auch noch die höheren Weihen verliehen, griff der Virus schnell um sich. 1862 grün­deten drei Jurastudenten in Wien den Österreichischen Alpenverein, 1863 folgten der Schweizer Alpenclub und der Club Alpino Italiano, 1869 der Deutsche Alpenverein. Eine Erstbestei­gung jagte die nächste, größere Städte, vor allem die entferntesten, wetteifer­ten alsbald in eigenen Sektionen, bau­ten Wege und Hütten.

Dieser Eifer infizierte auch jene zwei Breslauer Professoren Dorn und Partsch, die im Sommer 1877 die Weiß­kugel, den zweithöchsten Gipfel der Ötztaler, bezwungen hatten. Zurück in Schlesien, wurden sie sofort aktiv. Noch im November konstituierten sich die zumeist akademischen Bergfexe von der Oder als Sektion Breslau, sechs Jah­re später suchte der besonders rührige damalige Vorsitzende Seuffert im Ötz­tal nach einem Bauplatz, im Juli 1882 kauften die Breslauer an lawinensi­cherer Stelle am Urkund „18 Klafter Grund zum Bau einer Unterkunftshüt­te für Touristen“ — und am 20. August wurde sie eingeweiht. Nach heutigen Begriffen eher ein „Hütterl“, ohne Be­wirtschaftung, ein karges Nachtlager für gerade mal 15, zur Not für 25 Leu­te. Aber ideal, um von hier zur Wild­spitze aufzusteigen oder eine Gletscher­tour zu machen.

Kaum hatte man Fuß gefasst, stürm­te Professor Seuffert 1883 weiter. Jetzt einen Weg zum Hochjoch! Wieder be­kam der Gastwirt Grüner aus Sölden, der schon den Steig von Vent herauf und die Hütte in Rekordzeit ausgeführt hatte, den Auftrag. Es wurde ein Rein­fall. Der bauernschlaue Ötztaler wollte, so scheint’s, vor allem seinen geringen Verdienst beim Hüttenbau wettma­chen, das Projekt blieb stecken. „Man­gelhaft traciert und ausgeführt“, tadelte noch 1902 der Erste Vorsitzende Oscar Dyhrenfurth in der Festschrift zum 25­jährigen Bestehen der Sektion. Doch die Idee war gut, und als die Sektion Würz­burg auf halber Strecke zum Hoch­joch-Hospiz 1901 die Vernagthütte er­richtete, bauten die Breslauer den Weg dorthin. Einen Flaniersteig mit Glet­scherblick, fast durchweg ebenhin. Er ist längst benannt nach seinem Patron Seuffert — und die reine Wonne für alle „Thalschleicher“ und „Jochbummler“, die schon er seinerzeit in diese herrliche Höhe locken wollte.

Auch vor einem weiteren, erstaun­lich weitsichtigen Projekt jener Jahre muss man heute noch den Hut ziehen. 1886 lobte die Sektion Breslau eine „wissenschaftliche alpine Preisaufga­be“ aus. Thema: „Die Vergletscherung der Ostalpen in der Eiszeit“, Preisgeld: 3000 Mark. Ein erklecklicher Batzen, den die damals 270 Mitglieder aufbrin­gen mussten. Und viel Geld, verglichen mit den 5027 Mark und 28 Pfennig, die vier Jahre zuvor die Hütte inklu­sive Wegebau und Eröffnungsfeier ge­kostet hatte. Den Wettbewerb dieses frühen Falls von Wissenschafts-Spon­soring gewann ein Professorenteam aus Wien und Bern. Ihre Arbeit wür­digte die Festschrift von 1902 als „ein Werk von dauerndem Wert für die ganze Glacial-Forschung“.

Erweiterung und Sanierung Eigentlich hatte das Alpinabenteuer der Breslauer nur einen Schönheits­fehler: Ihre Hütte war zu klein! Im­mer wieder. In hundert Jahren wurde sie nicht weniger als sechs Mal erwei­tert. Bereits 1896 um ein zweistöcki­ges Querhaus. Eine feine Sache: Nun gab es vier beheizbare Zimmer — und Bewirtschaftung. 1903 wurde eine Ab­ortanlage angebaut, 1913 nach Westen hin ein vierstöckiger Bettenbau, mit seinen holzgetäfelten Kammern noch original erhalten. Das Drama diesmal: Bald brach der Weltkrieg aus, erst im Sommer 1921 konnte die Hütte wieder öffnen. In den Zwanzigerjahren wurde der Alpinismus vollends zum Volks­sport, die Sektion Breslau erreichte 1927 einen Höchststand von 1273 Mitgliedern, und 1929 stockte sie die Schlafplätze ihrer Hütte um weitere 20 auf. Allein in diesem Jahr wurden 4161 Übernachtungen gezählt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg er­lebte die Hütte einen ähnlichen An­sturm, als 1969 der Doppelsessellift von Vent nach Stablein in Betrieb ging: 5236 Übernachtungen! Um da mitzu­halten, sanierte man von 1971 an so ziemlich alles, was es zu sanieren gab. Als es dann 1977 das 100-jährige Jubi­läum der Sektion zu feiern galt, stan­den Kosten auf der Uhr wie noch nie zuvor: eine halbe Million Mark. Aber eben auch Besucherzahlen in einer Höhe wie seither nie wieder: 7770 Übernachtungen!

Die sechste und (bislang) letzte. Erweiterung kam da schon eher ei­ner wohlüberlegten Abrundung eines stattlichen Anwesens gleich. 1997 wurde für Skitourengeher ein neues Winterhaus gebaut sowie die Liftstati­on der Materialseilbahn erneuert. Im Jahr