Breslauer Hütte 2844 m

 
 

Natürlich hatte ich noch überlegt. Früh morgens in Hamburg in den Flieger, von Mün­chen mit dem Leihwagen ins hinterste Ötztal, und zu Mittag los, hinauf zur Breslauer Hütte. In einem halben Tag von der Waterkant auf fast 2900 Meter, an den Fuß der Wildspit­ze, des höchsten Gipfels von Tirol! Ist doch irgendwie verrückt, ungesund — oder einfach nur ungehörig. Aber dann siegte die Berglust. Und als mich vor dem „Hotel Post“ in Vent diese Som­merfrische, würzige Höhenluft um­fängt und mir Dr. Klaus Küchenhoff, ein ranker, schlanker Mittsiebziger, mit strahlendem Lächeln „Grüß Gott!“ sagt, ist alles gut. Warum sollten Wünsche nicht auch einmal schnell in Erfül­lung gehen!

Also nur noch mal eben ins Venter „Kaufhäusl“, um uns zu versorgen mit Kaminwarzen, Keksen und den neuesten Kennerworten zum Wetter, dann packt uns Christian Scheiber, Besitzer dieses unumgänglichen Ladens, zudem Pächter der Breslauer Hütte, in sein Fahrzeug. Wir hätten auch den Sessellift bis hinauf nach Stablein nehmen können, aber die angebotene „Autowanderung“ verkürzt nun den Aufstieg genauso von drei Stun­den auf anderthalb.

Die honorigen Herrschaften aus Breslau, die vor 130 Jahren die Spur für diese Bergtour legten, und sich in dieser steilen Welt rund 1000 Kilome­ter fernab von Schlesien ein Refugium schufen, hätten da wohl nur ungläu­big gestaunt. Zu ihrer Zeit dauerte al­lein die Anreise zweieinhalb Tage, mit Eisenbahn und Pferdepost, das letz­te Stück von Sölden herauf über einen abenteuerlichen Saumweg. Zu Fuß, versteht sich. Küchenhoff, selber noch in der Stadt an der Oder geboren, seit neun Jahren Zweiter Vorsitzender der Sektion Breslau, erzählt es voller Be­wunderung für den unbeirrbaren Pio­niergeist der Altvorderen.

Feiner Empfang

Mit jedem Schritt, den wir an Höhe gewinnen, wird klarer, was die Pro­fessoren und Doktoren, Juristen und Prokuristen aus dem Flachland hier so sehr in den Bann schlug. Linkerhand zieht am Horizont eine gewaltige Pro­zession heran: Ramolkogel und Diem-kogel, Talleitspitze und Kreuzspit­ze, umtänzelt von kleineren Gipfeln. Rechts steigt die Bergflanke immer steiler auf, bis schließlich der Rofen­karferner in den Blick kommt; heute weit zurückgeschmolzen, muss die tür­kis leuchtende Eiszunge damals noch buchstäblich zum Greifen nah gewesen sein. Ganz oben, irgendwo in den wa­bernden Nebeln, residiert Ihre Majes­tät, die Wildspitze. Und ihr zu Füßen —„auf einer Terrasse am südlichen Ende des Ötztaler Urkunds“, wie Profes­sor Seuffert seinerzeit notierte — steht die Breslauer Hütte. Ein kleiner Wei­ler, sollte man vielleicht besser sagen, denn längst scharen sich vier Gebäude um den altehrwürdigen Kern aus dem Jahr 1882. Wie ein behäbiges Bau­erngehöft, das hier trutzig Wind und Wetter und alle Wirren der Zeit über­standen hat, ein Wolkenheim in 2844 Meter Höhe.

Der Empfang ist vom Feinsten. Kaum haben wir unsere Rucksäcke abgelegt, prasselt auch schon ein Ha­gelschauer nieder, ein hochalpiner Gruß aus der Wetterküche. Gut, dass uns Alexander, der junge Hüttenwirt, jetzt erst mal „ein Schnapsl“ kredenzt und der Kachelofen in der Gaststu­ be schon munter bollert. „Morgen“, sagt er, „muss es hier nämlich eini­germaßen gemütlich sein“: Die Män­ner vom „Arbeitseinsatz 2007″ sind im Anmarsch. So wie jedes Jahr wer­den zu Beginn der Bergsaison von Freiwilligen der Sektion Winterschä­den ausgebessert, Reparaturen erle­digt, Markierungen erneuert. Diesmal ist Hochglanz gefragt, denn ein Jubilä­um steht ins Haus: 125 Jahre Breslau­er Hütte. Am 1. September wird zuerst unten in Vent festlich gefeiert. Tags darauf geht es zur Hütte, dann auf das Wilde Mannle, den kleinen Enkel der Wildspitze, und abends — dafür wer­den Alexander und Christian Scheiber schon sorgen! — in die Vollen.

Gründungsväter

„Eine fröhliche Gesellschaft“ war es auch, die am 19. August 1882 die kleine Weltreise nach Vent unternom­men hatte, „um ihre Schutzhütte am Ötzthaler Urkund zu eröffnen“. Zwar machte die „Ungunst des Himmels“ ei­nen dicken grauen Strich durch all die für den nächsten Tag „projektierten Bergbesteigungen“, wie ein Chronist in der „Augsburger Abendzeitung“ weiter berichtete. Doch dem „frohen Muthe der Breslauer“ konnten Re­gen und Nebelschleier nichts anhaben. Hatten sie nun doch — endlich! — nach der eigenen Sektion im damals noch Deutschen und Österreichischen Alpenverein auch eine eigene Bleibe. Da­mit war ihre Hütte schon die fünfte al­lein in der näheren Umgebung. (Die Frankfurter hatten 1873 mit dem Ge­patschhaus im Kaunertal und 1874 mit dem Taschachhaus im Pitztal mächtig vorgelegt, 1875 auch die Dresdner mit ihrer Hütte in den Stubaier Alpen.)

Es muss ja eine Art Fieber gewesen sein, das seit Anfang des 19.