Andromeda – Himmelskante – Supertramp – Bockmattli – Glaner Alpen – Topo

 
 

Klettergenuß, höchste Schwierigkeiten, Grenzbereiche — Charakteristika des Sportkletterns, Träume umschreibende Begriffe, deren Synthese das Ideal einer modernen Erstbegehung darstellen. Martin Scheel versucht, anhand dreier Erstbegehungen, in Stil und Schwierigkeit verschieden, die Tagträume der Freikletterer zu formulieren, „free style dreams“, wie er sie nennt.

Genuß
Gibt es etwas Schöneres, als über grünen Wiesen eine kurze, optimal gesicherte Route mit homogenen Schwierigkeiten des sechsten Grades zu klettern? Eisenfester Fels, alle drei bis fünf Meter ein gutplazierter Haken oder Bohrhaken, bequeme Standplätze sowie kurzer Zu- und Abstieg — das sind die Superlativen einer Genußtour, wie ich sie zuvor noch nicht kennengelernt habe — Andromeda soll sie heißen … Sonntag, gestern hatten wir die Erstbegehung fertiggemacht, und ich bin froh, daß Michi und Thomas Interesse für die Zweitbegehung zeigen. Die wenigen Kletterer, die noch am Kletterhüttli sitzen, beachten uns kaum, als wir still, einer hinter dem anderen, über den gutgriffigen Vorbau emporklettern. Unsere Herzen schlagen höher vor Freude über die Sonne, die endlich einmal wieder scheint, über den herrlichen Fels, über das Klingen der Kuhglocken im Tal drunten.

Andromeda - Himmelskante - Supertramp - Bockmattli 01Schnell sind wir angeseilt und fast noch schneller ist Thömi die erste Seillänge emporgeklettert. Ich staune, gestern hatten wir für das Setzen der Siche­rungspunkte Stunden gebraucht, heute klettern wir in wenigen Minuten hinauf. Und ich staune über die Schönheit und Eleganz der Kletterei. Jeder Schritt, jede Bewegung öffnet dem suchenden Auge neue Möglichkeiten, Griffe, Tritte, Unebenheiten, die, vorsichtig belastet, Halt bieten, um an der runden, haltlos scheinenden Kante weitersteigen zu können. Die Kletterer im Westwändli des Kleinen Bockmattliturmes gegen­über staunen nicht schlecht über unser Tun, ab und zu klingt ein fröhlicher Jod­ler zu uns herüber.

Wie alles heute, ist auch der Abstieg bequem, einfach und schnell. Nochmals suchen die Augen die Kante nach der Routenlinie ab, doch die nachmittägli­chen Schatten des Schiberges scheinen sie schon verschlungen zu haben. War es Wirklichkeit oder ein Traum? Und schneller, als ich alles erfassen kann, ist es bereits Vergangenheit.

Schwierigkeit

Zum fünften Mal hängen wir jetzt schon hier oben an der senkrechten Kante, 200 Meter direkt über den Schutthalden, über welche wir den Einstieg erreicht hatten. Wieder habe ich den guten Griff rechts oben, spreize nach links und er­reiche leicht dynamisch den Untergriff an der Kante. Verdammt noch mal, war­um ist der Fels gerade hier, wo die Griffe fast nicht mehr existieren, so teuflisch abdrängend?

Nein, ich glaube nicht mehr daran, daß ich es schaffe, diese Stelle an der Scheißkante, sie ist unmöglich. Der Mut, an die Grenze zu klettern und zu stürzen, ist verschwunden, er hat sich unter dem Überhang totgelaufen. Ich lasse mich zurückfallen, pendle in den guten Griff und klettere zurück zum letzten Bohrhaken. Erschöpft hänge ich in den Seilen, der Auftrieb und jeglicher Wille sind verschwunden. Wieder ein­mal seilen wir ab, betrübt, niederge­schlagen.

Ich glaube, Erstbegehungen sollten von unten geklettert werden, ohne vorheri­ges Erkunden von oben, zumindest in den Alpen. Als unfair empfinde ich vor allem das „Ausbouldern“ einer Kletter­stelle von oben; wo bleibt da die Fair­ness unserer oft als by fair means“ be­zeichneten Art des Kletterns? Bei einer Erstbegehung im klassischen Stil haben es die Erstbegeher bedeutend schwerer als die Wiederholer. Soll es nun auf einmal anders werden, da die Erstbege­her den einen oder anderen Griff be­reits kennen, sogar ganze Griffkombina­tionen? Eine Erleichterung, die es Wie­gerholern vielleicht sogar unmöglich macht, ganz schwierige Stellen (schon fast „boulders“) von unten gesichert hochzukommen.

Andromeda - Himmelskante - Supertramp - Bockmattli 02Aber was soll es! Da oben ist unsere Kante, soll ich sie nochmals später ver­suchen? Mit dem ganzen Material um den Bauch und der Angst, weiter oben keinen Haken anbringen zu können?

Nein, ich denke nicht daran! Und doch wäre es schade um die traumhafte Klet­terei! Also werde ich mich zu den Top­rope-Kletterern begeben, werde mir die Tour leichter machen und, gemütlich im Abseilsitz hängend, die notwendigen Sicherungshaken in den glatten Fels treiben. Wo bleibt meine Fairness, meine Kletterethik? Ach Mist, ich weiß es selbst nicht mehr!

Grenzbereich

Wer die riesigen, aalglatten Plattenschüsse rechts der großen Verschneidung der Plattenkopf-Nordwand (Großer Bockmattliturm) einmal gesehen hat, wird sie kaum mehr vergessen. Fast senkrecht, dreihundert Meter hoch und nur von zwei Diagonalbändern durchzogen, bilden sie das Alpha und das Omega unserer Bockmattliträume. Wirklich, es sind Träume, wer soll da hochklettern? Eigentlich lächerlich, solche Gedanken!

Bei unserem ersten Versuch bekamen wir es bereits am Einstieg mit der Angst zu tun und eröffneten weiter rechts eine Route durch das die Platte begren­zende Rißsystem („Free Trip“, siehe ALPINISMUS 8/80, Anmerkung der Red.). Doch der Gedanke, die Platten-wand direkt zu durchsteigen, ließ uns nicht mehr los. In erster Linie war es einfach Angst, die uns schon am Ein­stieg hinderte.

Welch ein Bild, das sich von den Quer-bändern aus bietet, absoluter Horror! Noch nie hatte ich eine abweisendere Wand gesehen, nein, wirklich noch nie! Der Fels, grauschwarz bis ins schier Un­endliche. Und doch, warum hatten wir eigentlich Angst vor dieser Platte? Wir sollten uns wirklich in den Hintern tre­ten, sonst werden wir die Alpträume nie los. Es muß einfach gehen, irgendwie, irgendwo, einzige Spielregeln; sauberer Stil, reine Freikletterei. Sonst lassen wir lieber die Hände davon, es wäre schade …

Einstieg im Schatten, Kälte, der Fels ist naß. Unsere Gefühle und Empfindungen würden eher in eine Triolet-Nordwand passen als zu dieser Sportkletterei. Bald sehen wir, daß wir heute nicht weit kom­men werden. Droben, wo Überhänge der glatten Platte entspringen, rinnt Wasser herab. Die vierzig Meter bis dorthin jedoch könnten wir schaffen! Das Material wird sorgfältig sortiert, Hammer und Haken, Bohrer, Klemm-keile, Schlingen und Karabiner, der Cliffhänger. Beängstigend schwer zieht der Gurt nach unten. Ein paar Schritte nur und das letzte Bändchen vor den haltlosen Platten ist erreicht; dann die ersten Schritte in der freien Wand. Schon recht schwer, schießt es mir durch den Kopf. Eine zuverlässige Siche­rung muß her, es darf nichts ausbre­chen, sonst liege ich sogleich wieder unten auf dem Band. Also gleich zwei Haken in den kleinen Riß, Psyche, meine Freundin, fühlt sich nun wohler. Die nächsten Meter, erst schwer, dann leichter, wieder zwei Haken und noch­mals vier, fünf sauschwere Meter. Erst nachdem ein Keil seinen Platz gefunden hat, begnadigt der Kopf den Körper und läßt ihn das leichte Zittern einstellen. Während ich die Standhaken bohre, er­holt sich die Psyche einigermaßen. Der Armmuskulatur verschlägt es allerdings beim Blick nach oben erneut den Atem. Hoffnungslos! Eine Reihe kleiner Überhänge, Tritte und Griffe kann man nur vermuten. Gregi kommt nach, staunt über die Schwierigkeiten. Über dem Standplatz nach zwei Metern wieder ein Bohrhaken, ich will auf keinen Fall einen direkten Sturz in den Stand riskieren. Erneut eine knallharte Stelle, ein Nor­malhaken. So, und nun kommt dieses unmöglich erscheinende Stück, eine gelblich-abdrängende Wand, die wäh­rend vieler Meter nicht die geringste Möglichkeit zum Ausruhen zeigt. Ich hänge im Haken, zittere vor Angst, klei­nes Menschlein in den riesigen Platten, wo ist dein Selbstbewußtsein geblieben? Dann der erste Versuch, gegen die Ner­vosität ankämpfen, konzentrieren, Ruhe einreden, tiefes Durchatmen. Doch was kann das schon nützen? Im Klettergar­ten, okay, aber hier? Laut schreit eine Stimme in mir: Nein, wag es nicht, nie wirst du es schaffen! Und eine andere Stimme, der Wille, drängt: Ist ja nicht gefährlich, geh jetzt, sonst gehst du nie! Schräg die Kante belasten, kleinste Griffe suchen, hilfloses Umhertappen, der Fuß rutscht ab … vier Meter tiefer hänge ich im Seil. Nur nicht den Mut verlieren! Gleich wieder hoch, diesmal klappt es. Vier, fünf Meter über dem Haken werden die Bewegungen un­ruhig, zackig. Nichts hat dies mehr ge­meinsam mit dem spielerischen Hoch-turnen an senkrechter Wand. Die Mus­keln sind aufs äußerste gespannt, der ganze Körper zittert. Immer noch tren­nen mich Meter vom erlösenden Griff, Meter, Meter, sie werden schier zur Un­endlichkeit. Der Griff, fast springe ich ihn an, mit letzter Kraft.

Schreck! Rund, abschüssig ist er! Siegt hier doch noch die Wand? Oder über­wältigt mich die Angst? Nein, weiter, weiter! Ich muß, nur kein Sturz hier! Die Hände tauchen kurz in den Magne­siabeutel, die rechte Ferse hängt über dem Griff. Ein letzter verzweifelter Durchzieher. Endlich, eine kleine Ritze, ein Haken findet seinen Platz, die Situa­tion ist gerettet, Erleichterung.

Standplatz bohren, dann abseilen, für heute ist Schluß. Beim nächsten Ver­such wird es weitergehen, im gleichen Stil, die gleichen Schwierigkeiten. Wir werden kämpfen, kämpfen gegen un­sere Angst, gegen die Wand. Fünfzig Meter konnten wir im Sommer 1979 der Wand abringen. Ich war in Hochform. hatte ein Jahr Urlaub und bin drei Mo­nate ausschließlich zum Klettern gegan­gen.

Das Leben ohne regelmäßige Arbeit machte mir mehr und mehr Freude. Ich malte, strickte und nähte und war mit dem einfachen „Da-Sein“ zufrieden und glücklich. Immer seltener war ich beim Klettern, schließlich, mitten im Sommer bei bestem Wetter, fand ich mich auf einfachen Wanderungen, zufrieden. glücklich.

Ein halbes Jahr später, als mich der Beruf zurück in klimatisierte Glaskästen zwang, erwachte meine Kletterlust aufs neue. Doch es war Winter, und es ver­ging ein halbes Jahr, bis die Form aus­reichte, um an unserer Traumwand wei­terzuarbeiten. Nach einigen Versuchen gelang uns nun im Juli dieses Jahres die Erstbegehung. Es war hart, sehr hart und mehr als fünfzig Meter Neu­land kletterten wir nie an einem Tag. Ewige Schwierigkeiten, immer wieder galt es den Mut aufzubringen, einfach loszuklettern, hinaus in die Platten. Manchmal, an der Grenze der Verzweiflung, gelang es dann doch, den Cliff irgendwo hinter ein Schüppchen zu hängen oder in einem noch so stump­fen Riß einen „rurp“ unterzubringen, um daraus den rettenden Bohrhaken zu schlagen.

Wir schauen von der Schwarzenegg­höchi in unsere geliebten Bockli-Wände und verfolgen mit den Augen die Linie unserer Route, eine Spur durch die Plat­tenwand, wie ich sie mir schöner nicht vorstellen kann. Ob hier vielleicht eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung der Sportkletterei liegt? Was kümmert mich dort oben die Diskussion um Magnesia? Lächerlich, nur darüber nachzudenken. Bei diesen andauernden Schwierigkei­ten gilt es, alles daranzusetzen, um hochzukommen, und fünf Meter über den letzten Bohrhaken, am Fels ver­krallt, wird wohl jeder hemmungslos zum nervenberuhigenden Pulver greifen. Der Abstieg — das Erlebnis entschwin­det in der Vergangenheit, wird zur Er­innerung — Probleme, der Alltag, wieder die Erinnerung. Bald bilden sie ein run­des Ganzes und fügen sich als Form in unser Leben ein. Martin Scheel

Andromeda topoSCHIBERG – NORDKANTE

„Andromeda“

Martin Scheel, Gregor Benisowitsch, 14. Juni 1980.

Der Nordfuß des Schiberges, direkt über dem Kletterhüttli, besteht aus einem etwa 100 Meter hohen Fels­sockel. Die neue Route verläuft direkt über die Nordkante und bietet bei homogenen Schwierigkeiten und in bestem Fels einzigartige Genußklet­terei. Trotz ihrer Kürze dürfte sie zu den schönsten Routen des Bockmattli gehören. Vor allem ist sie nach Regenfällen als Ausweichtour sehr geeignet, da der Fels schnell wieder abtrocknet. In der Kante befinden sich 9 H, 5 BH und eine Sanduhrschlinge, weiteres Sicherungsmate­rial ist nicht nötig.

Vom Kletterhüttli erreicht man den Einstieg in wenigen Minuten. Der etwa 50 Meter hohe Vorbau (II und III) kann seilfrei erstiegen werden. Der Routenverlauf ist aus der Skizze ersichtlich. Absteigend folgt man vom Gipfel in nordwestlicher Richtung einer Rinne, bis sie nach rechts ver­lassen werden kann. Wegspuren führen auf ein Schrofengrätchen, das direkt zum Hüttli zurückführt (10 Mi­nuten vom Gipfel).

Himmelskante topoKLEINER BOCKMATTLITURM – DIREKTE WESTKANTE

„Himmelskante“

Gregor Benisowitsch, Martin Scheel, 5. Juni 1980.

Im Laufe des vergangenen Sommers wurde verschiedene Male versucht, den oberen Teil der Westkante direkt über die ausgeprägte, senkrechte Kante zu ersteigen. Die erste, äußerst schwierige Seillänge gelang im Som­mer 1979 (Scheel, Duttweiler), alle weiteren Versuche scheiterten an einer unmöglich scheinenden Stelle am Beginn der zweiten Seillänge. Erst als die notwendigen Sicherungs­punkte beim Abseilen von oben ge­schlagen waren, gelang eine freie Begehung. Die Technik des Schla­gens von Sicherungshaken von oben sollte eine Ausnahme bleiben und dürfte hier höchstens wegen des klettergartenähnlichen Charakters der Route gerechtfertigt sein.

Die Schwierigkeiten wurden von den Erstbegehern mit VIII (eine Stelle), VII und VII— angegeben (siehe AL­PINISMUS 8/80, Seite 60). Die Zweit-und Drittbegeher bestätigten die An­gabe und ergänzten sie, Elbsand­steinbewertung 9b—c. Außer einem Hexentric Nr. 5 kann kein weiteres Material eingesetzt werden. Die vor­handenen Sicherungspunkte sind sehr zuverlässig und dürften aus­reichen, die Schlüsselstelle ist mit einem Bohrhaken optimal abgesi­chert.

Man erreicht den Einstieg aus der Großen Chälen auf kleinem Band nach links zur Kante (2 H). Der Rou­tenverlauf ist aus der Skizze ersicht­lich. Der Abstieg erfolgt über Steig­spuren von der Westschulter in die Kleine Chälen.

Supertramp topoGROSSER BOCKMATTLITURM – NORDWAND

„Supertramp“

Martin Scheel, Gregor Benisowitsch, Juli 1979 und Juli/August 1980.

Die Route verläuft durch die riesige Plattenflucht zwischen „Aquarius“ und „Free Trip“. Da nur selten Klemmkeile zur Sicherung verwen­det werden konnten, und wegen der andauernden, sehr hohen Schwierig­keiten, waren mehrere Versuche und ein verhältnismäßig hoher Material­aufwand notwendig. Außer dem Pen­delquergang wurde die Route frei und ohne vorheriges Erkunden von oben durchstiegen. Die Schwierig­keiten werden von den Erstbegehern wie folgt aufgeteilt: Zwei Stellen VIII—, 20 Meter VII+, 40 Meter VII, Rest VI— bis VII—. Bis heute wurde die Route noch nicht wiederholt, so daß obenstehende Bewertungen noch nicht bestätigt sind. Alles verwendete Hakenmaterial (17 BH, 41 H) sowie zwei Klemmkeile und ein Karabiner wurden belassen, die Anzahl und Größe der notwendigen Keile sowie der Routenverlauf sind aus der Skizze ersichtlich.

Man erreicht den Einstieg wie bei der Direkten Nordwand und beim „Free Trip“ auf die unteren Querbänder der Nordwand. Der Einstieg befindet sich in der Mitte des höchsten Ban­des, etwa 20 Meter links des Einstie­ges zum „Free Trip“ (2 H). Für die gesamte Route dürften 8 bis 10 Stun­den Zeitaufwand notwendig sein, auf dem Band in Wandmitte kann nach rechts zur Westlichen Nordwand her­ausgequert werden. Der Abstieg er­folgt über die Südgrattürme (II und III) auf die Bockmattliwiesen (1 Std.).