Das Yak aus Tibet

 
 

Seit zwei Jahrtausenden ist es das Tragetier der Nomaden und heute schleppen die »Grunz-ochsen« die Lasten der Expeditionen. Für die Versorgung der Einheimischen ist dieses Tier immer noch lebensnotwendig, denn es bringt Milch, Wolle, Fleisch und Brennstoff.

Auf seiner Flucht vor den Chinesen brach 1959 der jetzige Dalai Lama knapp vor der Grenze zusammen. Er hatte sich eine Erkältung zugezo­gen. Im letzten tibetischen Dorf hoben seine Fluchthel­fer, die Khampas, ihren fie­bernden Gottkönig auf ein Yak »und so verließ ich«, wie er selbst erzählt, »auf diesem vorzeitlichen Transportmittel Tibets mein Land«.

Damals war Tibet kaum mit Straßen erschlossen und diese wurden von den Chinesen kontrolliert, die das Land besetzten. »Tibet No 1« und »Tibet No 2« hießen die ersten Autos, die gut 30 Jahre zuvor auf Wunsch des 13. Dalai Lamas importiert wor­den waren. Yak-Karawanen hatten die Wagen, in Einzel­teile zerlegt, über die Pässe gebracht, Yak-Karawanen bil­deten den Begleittreck zum fliehenden 14. Dalai Lama und Yak-Karawanen sind es heute noch, mit denen die Nomaden weitab von den Schotterstraßen von Weideplatz zu Weideplatz ziehen. Auf Yaks transportiert man jährlich Salz, Felle und Wolle über die fast sechstausend Meter hohen Himalaya-Pässe von Tibet im Norden ins Sherpaland im Süden.

Nach der Nomenklatur unse­rer Zoologie ist Yak die Bezeichnung für eine Unter­gattung des Auerochsen, auch »Grunzochse« genannt. Ein Yak wiegt zwischen 250 und 500 Kilo. Die maximale Schulterhöhe liegt bei 1,80 Meter. Seine Zunge ist so rauh, daß sie sogar Fleisch vom Knochen reißen kann. Sein dickes, teppichartiges Fell schützt es gegen Tempe­raturen bis zu 40 Grad minus. Die kurzen Vorderbeine sind, ähnlich wie bei der Gemse zum Klettern ideal. Die klei­nen Augen, Ohren und die schmalen Nüstern sorgen für geringsten Wasser- und Wär­meverlust. Seine großen Lun­gen ermöglichen es dem Yak, in Höhen von 5000 und 6000 Metern zu leben, höher als jedes andere Säugetier der Welt. Die Tibeter verstehen unter Yak nur das männliche Tier dieser halbwilden Rin­der, die vermutlich vor zwei­tausend Jahren domestiziert wurden Die weiblichen Tiere heißen auf tibetisch »Dri«, die Sherpas nennen sie »Nak«.

Die Yaks sind etwas kleiner als unser Hausrind, langzot­telig und überaus genügsam. Wegen ihrer Trittsicherheit sind sie im unwegsamen Ge­lände des Himalaya die idea­len Reit- und Packtiere. Am Mount Everest sind sie schon bis auf 6500 Meter Höhe gestiegen. Als Haustiere geben sie Mist, Wolle, Milch, Fleisch — nach wie vor sind sie die wichtigsten Helfer bei der Feldarbeit.

Yaks bedeuten Reich­tum und Ansehen

Aus der ellenlangen Wolle, ein idealer Wärmeschutz gegen Wind und Kälte, wer­den Seile geflochten, Decken und Teppiche gewebt. Wich­tiger noch ist der Dung, der an der Sonne getrocknet das traditionelle Heizmaterial im holzarmen Hochland Tibet ist.

Bei den Tibetern und den Sherpas, die vor ungefähr 300 Jahren mit Yakkarawanen aus dem östlichen Tibet nach Solo Khumbu in Nepal über­wechselten, sind viele Tiere ein sichtbares Zeichen für materiellen Wohlstand. Wer viele Yaks besitzt ist reich und angesehen.

Das »Dzo«, eine Kreuzung zwischen Yak und Hauskuh, ist stark wie die väterlichen Vorfahren, zahm und willig wie die Mütter — ideale Arbeitstiere. Im Gegensatz zum Yak kann es auch unter­halb von 2500 Meter Meeres­höhe ohne Beschwerden leben.

Nur in seltenen Fällen haben Yaks bisher in den Niederun­gen überlebt. Heute stehen zwei Exemplare im privaten Tierpark von Affi bei Verona und einige Tiere im Allgäu. Ihr nervöses Gehabe, ihr Trotz und die Schreckhaftig­keit sind ihnen geblieben.

Wie die wenigen wilden Yaks, die sich in Regionen über 4500 Meter im tibetischen Hochland zurückgezogen ha­ben, sind sie scheu.

Die Fabel vom Yak und vom Wasserbüffel

Wittert das Yak Gefahren, wird es unruhig. Tibeter und Sherpas behandeln die Tiere deshalb vorsichtig, denn sie lieben ihre Yaks.

Ein Yak kann vor allem an seinem Benehmen von allen anderen Rindergattungen leicht unterschieden werden. Yak und Wasserbüffel zum Beispiel waren nach der Le­gende einst gute Freunde. Sie unterscheiden sich in einigen wichtigen Merkmalen: in der Form der Hörner; in der Art des Fells: der Yak hat zottiges Fell, der Wasserbüffel wirkt fast nackt; in der Kopfhal­tung: die Schnauze des Yak schwebt unter gebeugtem Nacken immer dicht über dem Boden, der Wasserbüffel scheint immer suchend nach oben zu blicken. Sie lebten zusammen auf einem Hügel. Der Büffel begann sich jedoch schon bald zu beklagen, ihm sei es zu kalt. Der Yak hingegen litt unter der Hitze. So beschlossen sie sich zu trennen. Der Büffel stieg hinab in die warme Ebene.

Der Yak aber wanderte hinauf zu den Gletschern. So lebten sie, jeder für sich. Nach einer Weile begannen sie aber, einander zu vermissen. Der Büffel stand lange Stunden, den Kopf bergwärts gehoben, um seinen Freund den Yak, zu erspähen. Der Yak stand mit gebeugtem Kopf oben am Berg und spähte nach unten, um den Büffel zu suchen. So schauen sie noch heute..