Skitour Glocknerumfahrung – Tagestour mit Westalpencharakter

 
 

Über diese Frühjahrshochtour ist in Bergsteigerkreisen nicht allzuviel be­kannt. Der neue dreibändige »Alpenver­eins-Skiführer Ostalpen« erwähnt die Glocknerumfahrung überhaupt nicht. In Walter Pauses »Abseits der Piste« wird sie vorgestellt, aber die angegebene Zeit von 8 bis 12 Stunden Dauer ist ganz si­cher übertrieben, und wenn dort zu lesen ist »…nur für vielerfahrene, ausdauern­de und bedächtige Skibergsteiger geeig­nete Riesentour«, dann schreckt das viel­mehr ab, als daß es den Tatsachen sehr nahekommt. Natürlich braucht man gu­tes Wetter und gute Sicht und eventuell Steigeisen, um den Steilaufschwung am Beginn des Teufelskampkeeses mit ge­schulterten Ski begehen zu können, aber ich möchte diese Tour insgesamt in ihren Schwierigkeiten nicht über Piz Buin, Zuckerhütl, Wildspitze oder Piz Morteratsch stellen. Was ihre Länge betrifft, so ent­spricht sie etwa jeder Etappe der Haute Route und liegt sicher unter den Strapa­zen der »Großen Reib’n«. Was ihre land­schaftliche Schönheit angeht, so steht sie aber ganz oben; denn die Fernblicke auf die nahe Schobergruppe, auf Wies­bachhorn, Großvenediger, die fernen Dolomiten und auf fast sämtliche Berg­gruppen unserer Ostalpen sind einmalig. Wer bei gutem Wetter morgens um 5 oder 6 Uhr von der Oberwalderhütte auf­bricht, wird kaum an zusätzliche Gipfel­besteigungen denken, sondern sich mit der Umfahrung begnügen, solange der Schnee gut und die Sicht klar ist, denn eine Wetterverschlechterung kann unan­genehm werden. Trotzdem können kon­ditionsstarke Alpinisten am gleichen Tag den Großglocknergipfel besteigen (zu­sätzlich ein Aufwand von 3 bis 4 Stun­den) oder vor Begehung der eigentlichen Umfahrung den Johannisberg mitneh­men. Das haben wir getan, aber eigent­lich ungeplant: Als wir nämlich um 6 Uhr an der Oberwalderhütte aufbrechen wollten, war Nebel mit Sicht von 100 Me­tern. Also blieb nichts anderes übrig, als in Richtung Johannisberg zu gehen, ein Aufstieg, von dem wir wußten, daß er auch bei schlechter Sicht zu finden war.

Als wir jedoch dann auf dem Gipfel stan­den, riß es auf. Also hieß es, gleich nach Südosten abfahren, um die geplante Glocknerumfahrung doch noch anzutre­ten — allerdings mit zweistündiger Ver­spätung, aber die holten wir leicht wie­der ein.

Die Schlüsselstelle dieser Route, den Be­ginn des unten steilen Teufelskampkee­ses, überwanden wir, indem wir ohne Steigeisen im von der Sonne aufge­weichten Schnee mit geschulterten Ski aufstiegen; nach einer halben Stunde wurden sie wieder angeschnallt. Auf Fel­len ging es weiter bis zum Sattel, 100 Me­ter nordwestlich unterhalb des Teufels­kamps gelegen. Dann folgte die lange Querung des Fruschnitz- und des Tei­schnitzkeeses (man bleibt immer auf gleicher Höhe!), kurze Rast an der 3276 Meter hohen Scharte im Luisengrat, 50 Höhenmeter Abfahrt zum Ködnitzkees und dann der Anstieg zur Adlersruhe, die letzte halbe Stunde über zum Teil draht­seilversicherte Felsen.

Obwohl die Hütte nicht geöffnet war, sa­ßen hier oben ein paar Dutzend Bergstei­ger, die auf der Normalroute mit Ski über den Hofmannsgletscher aufgestiegen waren. Die 1200-Höhenmeter-Abfahrt über den Hofmannsgletscher war dann noch hochalpin, aber der Schnee wech­selte sehr und wurde unten immer wei­cher. Nach Querung der Pasterze stan­den wir dann an der Talstation des Auf­zuges, der die Halbschuhtouristen vom Parkplatz zum Gletscher hinunter und wieder hinauf bringt. Da uns der Preis für die Bergfahrt zu hoch schien und wir ja schließlich Bergsteiger sind, marschier­ten wir dann noch die 20 Minuten über aperes Geröll zu Fuß zum Parkplatz hin­auf.

Glockner-Steckbrief

Beste Zeit: Erst, wenn die Großglock­ner-Hochalpenstraße geöffnet ist, meist also ab Pfingsten, dann aber bis Anfang Juli.

Ausgangspunkt: Oberwalderhütte, ab Öffnung der Glocknerstraße voll be­wirtschaftet, vom Parkplatz 2-2 1/2 Stun­den. (Achtung: Der Fußweg beginnt direkt an der Eisentür innen im Park­haus, die die Aufschrift trägt: »Weiter­gehen verboten«. Man geht die ersten 200 Meter im dunklen Stollen.)

Gesamtdauer: Ab Oberwalderhütte, je nach Kondition, 5-9 Stunden; Johan­nisberg und Großglocknergipfel kön­nen bei guten Verhältnissen mitbestie­gen werden.

Probleme können entstehen, bis man (falls keine Spur vorhanden ist) den richtigen Zustieg zum Beginn des Teu­felskampkeeses findet und dessen er­ste Steilstufe überwunden hat. Weitere Probleme können bei der Abfahrt über den teilweise steilen und spaltigen Hof­mannsgletscher auftreten, auch bei der Querung der vielen Rinnen nach links (Norden), bevor man (den Hofmanns­gletscher verlassend) die Pasterze er­reicht.

Karten/Führer: Am besten findet man sich mit der Alpenvereinskarte 1:25000 »Großglocknergruppe« (Blatt 40 mit Wegmarkierungen) zurecht; Alpenver­einsführer »Glockner-Granatspitzgrup­pe« von Hubert Peterka.