La Martinswand in den Südvogesen – Klettergebiete Europas

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Martinswand bei Innsbruck? Nein — eine andere Martinswand, nämlich „La Martinswand“ in den Südvogesen, oberhalb des Col de la Schlucht, sei diesmal in der Serie vorgestell Kein Leser braucht sich wegen seines ungläubigen Schulterzuckens Gedanken machen. „La Martinswand“ ist im deutsch-sprachigen Raum gänzlich unbekannt, und das zu Unrecht.

Nicht nur zwei-, dreihundert Meter hohe Wände bieten Klettererlebnisse, auch crags“ (Klippen) können dem Sport­kletterer das Letzte abverlangen; von der Wandhöhe her gesehen, bieten die weltberühmten „Shawangunks“ kaum mehr als „La Martinswand“. Ganz im Gegensatz zu unserer Gegend, ist die Martinswand in ganz Frankreich be­kannt und berühmt, obwohl sie nur mit Wandhöhen zwischen 20 und 60 Metern aufwarten kann. Und warum? Einfach, denn die Martinswand bietet einige der schwersten Freikletterstellen von ganz Frankreich, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich …

Die Südvogesen sind hauptsächlich für die zahllosen Möglichkeiten des Ski­langlaufs bekannt, die „Haute Route des Vosges“ die den gesamten Haupt­kamm der Vogesen von Nord nach Süd überstreicht, wird zwar nur selten ganz begangen, in Einzeletappen, gut mar­kiert und mit gutgespurten Loipen ver­sehen, ist sie sehr beliebt. Und das Klettern?

La Martinswand 02Wenn du aus der Rheinebene von Col­mar nach Westen hinein ins Münstertal fährst (Val di Munster), so kannst du glauben, dich im Hochschwarzwald zu befinden; die Täler verengen sich, be­waldete Hänge steilen sich auf zum Hauptkamm, dessen markante Einschar­tung man im Col de la Schlucht, dem Übergang ins Hinterland, über eine schmale kurvige Paßstraße erreicht. Auf etwas mehr als 1200 Meter Meereshöhe befindet man sich nahe der Baum­grenze, und wenn du vom Col nach Süden abbiegst, und der Route de Crěte nach Süden Richtung Hohneck folgst, so findest du nach etwa zwei Kilometern einen Wegweiser „Trois Fours“. Ein Karrenweg bringt dich nach wenigen hundert Metern zu einem kleinen Re­staurant und zu einer Hütte des CAF (Club Alpin Francais). Wenn du bereits hundert Meter nach der Abzweigung von der Route de Crête dich auf einem Wanderweg nach Süden hältst, durch ein lichtes Laubwäldchen hindurch, dann stehst du bald unvermittelt auf einer mit Sträuchern bewachsenen Hochfläche, über die der Wind hinwegpfeift (auch im Sommer, wenn drunten im Tal die Temperaturen die Dreißig-Grad-Grenze erreichen). Noch ein paar Schritte und du siehst in ein enges Hochtal und vor dir brechen die Felsen ab, zwischen 20 und 60 Meter hoch …

Auf den ersten Blick sehen die Felsen nicht gerade einladend aus, etwas düster, grün, leicht beflechtet, ein erdgeschichtlich sehr alter Granit. Doch du mußt ihn berühren und du wirst spüren, wie er unter den Fingerspitzen beginnt, Feinstrukturen zu bilden, Quarzkristalle versprechen Reibung, kleinste Käntchen verlangen exakte Fußtechnik. Dann klet­terst du eine Route, am besten in der rechten Plattenwand (Straßburger Wand), und du fühlst, daß Granit lebt, du den Dialog mit den Quarzadern auf­nimmst, während sie dich zum Ausstieg leiten.

Erst in den dreißiger Jahren haben El­sässer Bergsteiger diese Klippen als Trainingsmöglichkeiten entdeckt und die ersten Routen durch die Wände gelegt. Die Alpen waren nahe, kaum 200 Kilo­meter entfernt, und da war es nahe­liegend, die Klippen als Training für Alpenziele zu betrachten. So wurden jahrzehntelang die Routen unter diesem Aspekt eröffnet, dieselben Hilfsmittel wie in den Alpen kamen zur Anwen­dung, „La Martinswand“ war einer von vielen Klettergärten, viele Haken, viele technische Kletterstellen. Die höchsten erreichten Freikletterschwierigkeiten be­wegten sich meist um den V. Grad her­um, lange Jahre die schwerste Route war „Tilt“ (VI—/AO). „L’Antoinette“ oder „L’Envers du Plumard“ waren haupt­sächlich technische Routen (V+ /A1) der Fiffi zählte zu den wichtigen Kletter­utensilien an der Martinswand. Die Straßburger Wand“, eine schräge Plat­tenwand wies schon damals die mei­sten Freiklettereien auf, ..La Bastille“, La Straßbougeoise“, La Dadja“ (alle zwischen IV und V). Alles in allem also 0 nichts Besonderes, ein Klettergarten, ein Trainingsgebiet, wie es viele gibt. Mitte der siebziger Jahre änderte sich einiges an der Martinswand; wie auch in anderen Klettergebieten (Pfalz, Fran­kenjura etc.), begann man, sich auf das reine Freiklettern zurückzubesinnen, nicht zuletzt bedingt durch Einflüsse aus dem anglo-amerikanischen Raum. Einige junge Kletterer, genannt seien Jean-Pierre Hagenmuller, Serge Haffner, Jean-Pierre Minazzi und Serge Koenig, versuchten, alte, technisch begangene Routen frei zu klettern. Zum anderen suchten sie in den scheinbar erschlos­senen Wänden nach neuen Möglichkei­ten für Erstbegehungen. Die erste der neuen Routen war La Retraite de Vieux“ (Rückzug des Alten) in der Straß­burger Wand, die heute noch zu den schwersten Kletterstellen des Gebietes zählt; vorher wurde die Route schwierigkeitsskalavom Flechtenbewuchs gereinigt und der zur Sicherung notwendige Bohrhaken gesetzt, nach langem Üben konnte die Route dann erstbegangen werden, es muß dazugesagt werden, daß die El­sässer Kletterer es ablehnen, die Rou­ten zuerst von oben einzuüben; nach­dem die Sicherungspunkte angebracht sind, versuchen sie die Kletterei von unten. Bald waren die meisten der alten Routen frei geklettert — was bei uns „Rotpunkt“ genannt wird, heißt in Frank­reich „System jaune“, die Spielregeln sind die gleichen. Das letzte große Pro­blem war bis ins Jahr 1978 die Wand des Petit Cervin (Kleines Matterhorn), die bis dahin noch nicht frei durchstie­gen worden war. Die „Triple Directe“, eine Führenkombination aus „La En­vers du Plumard“, „La Fribourgeoise“ und „La Clair de la Lune“ war nur eine vorläufige Lösung, allerdings bereits im Schwierigkeitsgrad VIII— (6b/c). Ein weiteres halbes Jahr war notwendig, bis Jean-Pierre Minazzi und Serge Haffner , La Extrème Onction“ (Die letzte Ölung) als die eleganteste Lösung durch die Cervin-Wand fanden (VIII, nach französi­scher Bewertung 6c, erste Seillänge 7a, was einer amerikanischen 5.11 oder 5.12— gleichkommt). Die erste Seil-lange zählt zu den ganz wenigen Rou­ten in Frankreich, die mit 7 bewertet sind und damit zu den schwersten Klet­terstellen Frankreichs, cbisher sind noch keine zehn Wiederholungen zu verzeich­nen. Die alte Linie von „L’Envers du Plumard“ (Die Unterseite des Bettes) über das etwa zweieinhalb Meter aus­ladende Riesendach wurde im letzten Jahr von Jean-Claude Droyer frei ge­klettert (6c, etwa VIII—). Nur noch ganz wenige freie Probleme warten, eines der letzten, ..L Etrave“, wurde im August 1980 von Jean-Pierre Minazzi gelöst, der vorher die Haken entfernt hatte und die Route einzig mit Klemmkeilen absicherte (6c). Einige Routen wurden völlig aus-genagelt. denn sie lassen sich mit Klemmkeilen hervorragend absichern (La Dadja, Le Passage Déclouté, La Suppositoire).

Es darf nun nicht der Eindruck ent­stehen, die Martinswand sei nur ein Ge­biet für ganz extreme Sportkletter-Pro­fis. Weit gefehlt, denn das Angebot an mittelschweren Routen (zwischen IV und VI—) ist überreich, die meisten Routen, auch wenn man sie völlig frei klettert, bewegen sich in diesen Schwie­rigkeitsbereichen. Die Martinswand kann also vor allem denen empfohlen werden, die Interesse am sportlichen Freiklettern zeigen, aber nicht gleich in die „Überhämmer“ einsteigen wollen. Vor allem die klassischen Routen in der Straßburger Wand zeigen verblüffend, daß es manchmal sogar leichter ist, einen Haken zu ignorieren denn ihn als Griff zu verwenden. Und Schritt für Schritt La Martinswandkann mit jeder Route der Schwie­rigkeitsgrad gesteigert werden.

Einiges über die Kletterethik muß ge­sagt werden. Seit wenigen Jahren wird auch an der Martinswand frei geklettert, das Vorbild einiger junger Kletterer fand seine Nacheiferer, so daß hier, wie überall, die Frage nach dem „Wie“ die nach dem „Was“ übertönt. „System jaune“, was unserem „Rotpunkt“ ent­spricht, wird großgeschrieben, ist aller­dings für niemanden zwingend, jeder kann, wie er will. Die Routen sind für das freie Klettern sehr gut abgesichert, unter den jeweils schweren Stellen stecken gute Haken oder es lassen sich gute Klemmkeile anbringen, viele schlechte Haken hintereinander wur­den durch wenigere, bessere ersetzt, alles unter dem Aspekt des sicheren Freikletterns. Aus dem neuen Führer sei zitiert: „Wir glauben, daß es viel sportlicher ist, an einer Stelle, die man nicht frei klettern kann, umzukehren, als diese Stelle durch zusätzlich ange­brachte Fortbewegungshilfen zu ent­werten. Es gibt in unserem Gebiet sehr viele leichte und mittelschwere Routen, deshalb sollte man die wenigen extrem schweren Routen den an hohen Schwie­rigkeiten interessierten Kletterern las­sen.“

Dem schier undurchdringlichen Zahlen-und Buchstabendschungel von Schwie­rigkeitsgraden haben die Franzosen —es lebe der Individualismus der Na­tionen — eine weitere Kotation hinzu­gefügt. Bis vor einem Jahr wehrte man sich entschieden gegen den VII. Grad und stopfte alles in die Zahl 6, so daß sich die untenstehende Abstufung mit den Buchstaben a, b und c ergab. Da aie neuesten Routen dem amerikani­schen ‚Grad 5.12 ( IX) recht nahekom­men, mußte nun doch die Aufstockung auf 7 erfolgen, an der Martinswand gibt es eine Kletterstelle des Grades 7a (La Extreme Onction). Die bereits mehr­fach im ALPINISMUS abgedruckte Skala sei hiermit um die französische Bewer­tung erweitert.

Kurzinformationen

Zufahrt: Von Colmar durch das Münster-tal Richtung Gerardmer bis in den Col de la Schlucht, dann nach Süden über die Route de Crěte, bis zur Abzweigung „Trois Fours“ (Parkplatz)..

Stützpunkte: Meist belegt ist die Hütte des CAF, jedoch kann beim Hüttenwart reserviert werden: Roland Bellorini, Réfuge des Trois Fours, Stosswihr, F-68140 Munster. Obwohl das Zelten offiziell ver­boten ist, finden sich an jedem Wochen­ende viele Zelte in der Umgegend der Felsen.

Führer: Escalades dans La Martinswand — Serge Haffner, erhältlich beim CAF Mulhouse oder CAF Straßbourg.

Die lohnendsten Routen

Insgesamt vier Massive beherrschen das Klettergebiet der Martinswand, der Gip­felaufschwung (Voies de Sortie), Kleines Matterhorn (Petit Cervin), die eigentliche Martinswand und die Straßburger Wand. Während der Gipfelaufschwung etwa 20

Meter hoch ist und Genußklettereien im III. und IV. Grad aufweist, finden sich an der Straßburger Wand und am Kleinen Matterhorn die längsten und lohnendsten Routen. Am Massiv der Martinswand be­finden sich zwei sehr lohnende Klette­reien.

Ill. und IV. Grad

La Potence (IV+), La Clitoris (IV+), La Normale (II und III), L’Abbé Denis (IV/AO oder V), L’Aérienne (IV-1-/A0 oder V+), La Straßbourgeoise (IV+).

V. und VI. Grad

La Tilt (VI—/A0 oder VI+), L’Envers du Plumard (V+/A1 oder VII+), La Mulhou­sienne (V—/A0 oder VI), L’Antoinette (V+/A0 oder VII—), L’Allemande (V+/A0 oder VI+), La Bastille (V), L’Entremet (V+), La Dadja (V, nur Klemmkeile!), Le Dièdre Jaune (V/A0 oder VI).

VII. und VIII. Grad

La Fribourgeoise (VII— und VII), L’Ex­trème Onction (VIII und V114 ), La Pas­sage Déclouté (VII—), Le Suppositoire (VII—), La Pillule (VIII—), La Retraite du Vieux (VIII, eine Stelle), La Centaurée (VII—).

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