Wollbachspitze Skitour Stillupgrund

 
 

für Tourenanfänger ist das Gelände um die Kasseler Hütte ganz und gar nicht geeignet; aber so, wie es Alpenvereins-Hüttenverzeichnis steht, nämlich, daß die Kasseler Hütte kein Stützpunkt für Skitouren sei, ist es nun auch wieder nicht. Die Zillertaler Skibergsteiger wissen dieses Gebiet für Frühjahrstouren sehr wohl zu schätzen. Aber sie wissen auch, daß dort hinten im gewaltigen Amphitheater des Stillup-Talschlusses nur dann etwas geht. wenn einerseits genügend Schnee liegt, so daß alle Spalten zu sind. wenn aber andererseits sich die Schneedecke bereits soweit stabilisiert hat. daß kaum mehr Lawinengefahr besteht. April ist für Touren in der Stilluppe oft noch zu früh. Jedoch auch im Mai und im Juni richte man sich besser auf eine Winterraumübernachtung auf der Kasseler Hütte ein, wenngleich auch an dem einen oder anderen Frühjahrswochenende der Wirt zu Vorbereitungsarbeiten hinaufgeht und die Hütte einfach bewirtschaftet. Der stets offene Winterraum (sechs Lager und ausreichend Brennholz) ist durchaus gut in Schuß.
Eine Alternative stellt eine Übernachtung im Grüne-Wand-Haus im Talgrund dar. Es ist in der Regel etwa ab dem Zeitpunkt geöffnet. ab dem die Stillup-Straße ganz befahren werden kann. Das Grüne-Wand-Haus empfiehlt sich vor allem dann als erster Stützpunkt, wenn man zunächst vorhat, die äußerst elegante Steiltour Eiskar — Westliches Stilluppkees — Keilbachgrat im hintersten Talgrund in Angriff zu nehmen. Ziel dieser rassigen Spätfrühlingstour über rund 1400 Höhenmeter ist der wenig eingeschartete Grat zwischen Keilbach- und Kasseler Spitze.
Wollbachspitze01Der Grund, weshalb die Kasseler Hütte im AV-Verzeichnis als Skitouren-Stützpunkt verworfen wird, liegt wohl darin, daß der Hüttenanstieg — vor allem nach Neuschnee — äußerst lawinengefährdet ist: Im Graben unterhalb der Hütte, durch den der Sommerweg wie auch der Skianstieg verläuft. sammeln sich sämtliche Lawinen aus dem riesigen Sonntagskar. Auf diesem Wegstück ist also — besonders bei noch reichlicher Schneelage und am Nachmittag — große Vorsicht und Aufmerksamkeit erforderlich. Für die Touren zur Grünen Wand und zur Wollbachspitze muß von der Hütte aus zuerst der steile, am Morgen meist beinharte Hang ins Kar hinüber gequert werden. Die folgenden mäßig geneigten Hänge (eine Kuppe im Kar kann beidseitig umgangen werden) leiten in den großen Kessel unterm Ostlichen Stilluppkees, das zwischen Hinterer Stangenspitze, Wollbachspitze und Grüner Wand eingebettet liegt. Hier trennen sich die Wege.
Zur Grünen Wand, die aus dem Stilluppgrund und auch von der Kasseler Hütte aus alles andere als wie ein Skigipfel aussieht, geht man die Mulde nach Süden weiter, um dann allmählich nach Westen umzuschwenken und über einen ideal geneigten Osthang den Gipfel zu erreichen.
Zur Wollbachspitze wird die Spur vom Kessel aus mehr linkshaltend gezogen und über den zunächst noch spaltenfreien Gletscherhang in Richtung Südflanke der Hinteren Stangenspitze aufgestiegen. Im folgenden etwas stärker geneigten Aufstiegsteil muß auf Spalten geachtet werden, bevor man das Firnbecken unterm Stangenjoch erreicht. Nicht das Stangenjoch selbst ist jedoch das Ziel, sondern der nur wenig höhere Schneesattel südlich davon, der aus dem Firnbecken über einen kurzen Hang (Bergschrund) problemlos erreicht wird. Etwas oberhalb Wollbachspitze02des Schneesattels befindet sich auf der Ostseite der Wollbachspitze ein kleines Firnplateau, von dem aus bei guten Schneeverhältnissen über den kurzen steilen Osthang und einem verblasenen Schrofenrücken bis zum Gipfel mit Ski gegangen werden kann. Neben Schwarzenstein und Reichenspitze dürfte die Wollbachspitze wohl eines der lohnendsten Skiziele in den Zillertaler Alpen sein.
Wessen Auto nicht am Grüne-Wand-Haus steht, sondern wer es vorsorglich in Mayrhofen gelassen hat, dem bietet sich eine große, sehr alpine Gletscherabfahrt an, die fast völlig in Vergessenheit geraten ist, die Abfahrt nach Osten über das Südliche Grasleitenkees in den Sondergrund und hinaus in den Zillergrund. Eine einwandfreie Sicht ist hierfür aber Bedingung. Aus dem Grasleitenkees erhebt sich östlich unterhalb ein scharfer Felskopf (in der AV-Karte P. 2808), von dem ein markanter Firnrücken zum Hollenzgrat hinaufzieht. Vom erwähnten Firnplateau unter dem Osthang der Wollbachspitze wird auf den unteren Teil dieses Rückens gezielt (Vorsicht Spalten!). Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Nur bei ausgezeichneter Schnee- und Spaltensituation kann nach rechts (nördlich an P. 2808 vorbei) direkt n den Sondergrund abgefahren werden. Sicherer ist die andere Möglichkeit: Der Rücken wird nach Osten überschritten. und über einen auffallenden domartigen Gletscherbuckel (Zunge) wird deutlich rechtshaltend (einige Spalten!) Moränengelände erreicht und in die hinterste Mulde des Sondergrundes, das Langeben, abgefahren. Hier befindet man sich im wohl einsamsten Ted der Zillertaler Alpen. Die folgenden schönen Hänge und Mulden in den Talboden hinunter runden diese extravagante Überschreitung ab. Da der Sondergrund im späten Frühjahr meist schon weitgehend aper ist, kann das letzte Stück hinaus zum Wirtshaus in der Au im Zillergrund zugegebenermaßen noch zu einem — wenn auch erträglichen — Talhatscher ausarten.
Wer hinten im Langeben noch genügend Zeit und Kondition hat, sollte unbedingt auch noch als Abstecher die Napfspitze mitnehmen, einen Skidreitausender, der selbst im Sommer nur ganz selten Besuch bekommt.
Wollbachspitze03Die nördliche Begrenzung des Langebens bildet ein breiter Schrofenrücken, das Napfeck. Über diesen Rücken erfolgt der Aufstieg in das obere Kar, das in einem weiten Bogen schräg von links nach rechts hinüber ansteigend ausgegangen wird. Der letzte Steilhang, der auf eine Schulter im Südwestgrat der Napfspitze führt, muß meist zu Fuß überwunden werden. Der Gipfel wird ohne Ski über den folgenden Südhang und einen kurzen Blockgrat bestiegen.
Eine Abfahrt über das nordöstlich der Napfspitze eingelagerte Grießbachkees hinunter in den Hundskehlgrund ist zwar möglich, jedoch muß der eleganteren und schöneren Abfahrt zurück entlang der Aufstiegsspur in den Sondergrund der Vorzug gegeben werden.

Tourensteckbrief
Charakter
Hochalpines, ernstes Tourengelände mit spaltigen Gletschern; wenig frequentiert; nur bei sicheren Schneeverhältnissen anzuraten!
Beste Zeit
Ende April bis Mitte Juni.
Anfahrt
Inntalautobahn (oder Achenseestraße) — Zillertal — Mayrhofen — Stilluppgrund — Grüne-Wand-Haus (von der Ahornbahn-Talstation in Mayrhofen zum Grüne-Wand-Haus Kleinbus-Pendelverkehr).
Karten
Alpenvereinskarte 1:25000 Zillertaler Al-pen, Mittleres Blatt (Nr. 35/2) und östliches Blatt (Nr. 35/3).
Stützpunkte
Grüne-Wand-Haus (1438 m), geöffnet meist ab Befahrbarkeit der Stillupp-Straße. Kasseler Hütte (2177 m), Winterraum (offen, 6 Lager), Zugang lawinengefährdet, zwei Stunden vom Grüne-Wand-Haus.
Höhenunterschiede und Aufstiegszeiten
Grüne-Wand-Haus — Westl. Stilluppkees — Keilbachgrat: etwa 1500 Meter, 41/2 Stunden; Kasseler Hütte — Grüne Wand: 770 Meter, 2 1/2 Stunden; Kasseler Hütte — Stangenjoch — Wollbachspitze: 1030 Meter, 3 1/2 Stunden; Wollbachspitze — Grasleitenkees — Langeben: 920 Meter; Langeben — Napfspitze: 850 Meter, 3 Stunden; Langeben — Sondergrund — Wirtshaus in der Au: 960 Meter.