klettern in der Silvretta

 
 

Über Grate zu hohen Gipfel

Wer die Silvretta-Gipfel nur im Winter und von den Skitouren her kennt, kennt nur die eine Seite der Medaille. Auch im Sommer kann diese Berggruppe Außergewöhnliches bieten. Für den erfahrenen Kletterer warten hier großartige Hochtouren darauf, entdeckt zu werden. Ein halbes Dutzend empfehlenswerte Klettereien bis Schwierigkeitsgrad IV stellen wir Ihnen auf den folgenden Seiten vor.

Silvretta — damit verbinden wohl die meisten Bergsteiger weite Glet­scherbecken, großzügige Touren ‑ skiabfahrten und sonnige Tage im Spät­winter und Frühling.

Ostwand, Gr. LitznerDaß die Berge der Silvretta mit ihren dunklen Felswänden und langen Graten auch im Sommer als Klettergebiet inter­essant sein könnten, kommt bei solcher winterlicher Beliebtheit wohl kaum ei­nem der vielen Skitouristen in den Sinn. Zwar kennt fast jeder Silvrettaliebhaber den Piz Buin oder hat diesen Gipfel zu­mindest auf seiner Wunschliste, doch läßt die leichte Kletterei auf diesen Berg kaum ahnen, welche langen und großar­tigen Genuaklettereien für erfahrene Bergsteiger in der Silvretta möglich sind. Die Gipfel erreichen Höhen, die es rat­sam erscheinen lassen, neben der Klet­terausrüstung auch hochalpines Zube­hör in den Rucksack zu packen. Auch vom Klettertechnischen her fordert die Abgeschiedenheit und Einsamkeit ihren Preis: Wenn in einer hochalpinen Klet­terei im III. und IV. Schwierigkeitsgrad praktisch kein einziger Stand- oder Zwi­schenhaken die Route absichert, dann heißt das für den Begeher, daß er außer einer ordentlichen Kondition (Kletter­zeiten von mehr als fünf Stunden sind keine Seltenheit) auch alpines Know­how über das Anbringen von Sicherun­gen mitbringen muß. Ebenso ist Trittsi­cherheit bei den manchmal schrofigen Zu- und Abstiegen nötig. Dafür erwartet einen dann aber ein Kletterparadies im alpinen Kristallingestein, wie es die Pio­niere des klassischen Alpinismus nicht urtümlicher vorgefunden haben kön­nen : Platten und Grattürme mit markan­ten Felsformen, mit Rissen, Verschnei­dungen und einer fantastischen Aussicht auf Seen, Gipfel und Täler ringsum. Vom Frühsommer bis in den Herbst lohnt es sich, in der Silvretta zu klettern. Manche Routen wirken wie alpines Neuland, in dem es hoch über den.

Gletschern noch so mancherlei zu ent­decken gibt!

Doch nicht nur die Aussicht und die sportlichen Anforderungen sind hochal­pin. Auch das Wetter kann in diesen Höhen um 3000 Meter rasch umschla­gen. Die Wettervorhersagen sind ebenso gewissenhaft zu verfolgen wie die Nadel des Höhenmessers. Dafür bieten manche Gratklettereien das, was man in bekann­teren Klettergebieten so oft vergeblich sucht: Ruhe, Einsamkeit und Panora­marundblicke von erhabener Größe. Dabei sind die hier vorgestellten Kletter­touren leicht erreichbar: Sobald die Sil­vretta-Hochalpenstraße geräumt ist, kann man mit dem Autobus oder dem ei­genen Pkw bis auf die Bieler Höhe auf 2030 Meter Höhe fahren. Damit wird eine Kletterei auf den grandiosen Aus­sichtsgipfel der Vallüla zum Tagesaus­flug. Auch Übernachtungsmöglichkeiten und Restaurants gibt es auf der Bieler Höhe, ebenso eine Naturfreunde-Berg­steigerschule.

Daß der Nordwestgrat auf die Große Vallüla als mit Abstand schönste Klette­rei der Nordsilvretta bezeichnet wird, hat durchaus Berechtigung. Der bekann­teste Kletterberg der gesamten Silvretta, der Großlitzner, darf mit seinen 3109 Metern Höhe ebensowenig fehlen wie die edle Pyramidenform des Großen Seehorn (3121 m). Die Überschreitung dieser beiden stolzen Gipfel schließlich gehört zu den schönsten Kletterhochtou­ren der Silvretta und schenkt neben vielen Genußkletterstellen immer wie­der fantastische Tiefblicke und Ausblicke. Wer sogar in der heimeligen Atmo­sphäre der wie ein Adlernest unter dem Kleinlitzner thronenden Saarbrücker Hütte noch immer glaubt, die Silvretta wäre nur ein Gebiet für Skitourengeher, dem ist wirklich nicht zu helfen: Er soll halt in drei Teufels Namen nur Skitou­ren hier machen, dann sind die Klette­reien nicht so überlaufen!

GrosslitznerGroßlitzner (3109 m) Normalanstieg über SO-Grat und Ost­gipfel

Ausgangspunkt: Saarbrücker Hütte (DAV), 2538 m

Kletterschwierigkeit: III, teilweise II

Dauer: Hütte bis Gipfel ca. 3 1/2 Std.

Beste Jahreszeit: Juli bis September

Kurzcharakteristik : Bekanntester Klet­terberg der Silvretta, festes Gestein, ele­gante Form, Genußkletterei mit herrli­cher Aussicht über die Gipfel und Glet­scher der Silvretta.

Route: Von der Hütte den Fahrweg Richtung Tal und nach einigen Minuten bei der scharfen Kehre nicht weiter ins Tal, sondern rechts über den etwa ebe­nen Moränenscheitel nach Süden. Beim Übertritt auf den Litzner-Gletscher (ca. 2680 m) gibt es auf diesem vielbegange­nen Steig meist Spuren, die in südöstli­cher, später südlicher Hauptrichtung auf den sanften, breiten Litzner-Sattel führen (ca. 2740 m, 1 Std.). Von hier zuerst nach Süden queren, dann aufwärts über verfirnte Gletscherhänge und über einen felsigen Schrofenrücken in leichter Klet­terei (stellenweise II) in NW-Richtung aufwärts (Steigspuren, Steinmänner). Über einen kleinen Vorgipfel steigt man ab in die Scharte dahinter, umgeht den darauffolgenden „Litzner-Vorturm” links (SW) und gelangt in die Litzner­Scharte dahinter, wo der eigentliche Gipfelturm aufragt. Die Felsplatten etwa gerade empor, bis eine freistehende Riesenschuppe den ersten Absatz bildet. Zur Pfeilerkante nach rechts und hinauf zu einem markanten Absatz, gerade über einen Überhang hinauf zu einem dritten. Über geneigtere Felsplatten empor zum Gipfelüberhang, den man an der rechten Seite am leichtesten überklettern kann. Die folgende Verschneidung führt be­reits in das leichte Gelände des Gipfel­grates und zum Gipfel.

Wenig Haken, Klemmkeile empfehlens­wert (mittlere und kleine Größen).

Großlitzner—Seehorn, Ost-West-Überschreitung

Ausgangspunkt: Saarbrücker Hütte

Grosslitzner und Grosses SeehornKletterschwierigkeit: III und II. Zwei Stellen im IV. Schwierigkeitsgrad kön­nen durch Abseilen überwunden wer­den. Ein 45-Meter-Seil reicht.

Dauer: Von der Hütte bis zurück eine lange Tagestour, früher Aufbruch am Morgen erforderlich. Ca. 8-10 Std. Beste

Jahreszeit: Juli bis September

Kurzcharakteristik: Diese Überschrei­tung ist eine der beliebtesten und am meisten frequentierten Kletterrouten der Silvretta. Zwar ist dadurch kaum locke­rer Fels in den Kletterstellen, doch wird man mit der Gesellschaft anderer Berg­steiger rechnen müssen.

Route: Von der Hütte den beschriebe­nen Normalanstieg auf den Großlitzner über SO-Grat und Ostgipfel.

Besonders ausdauernde und flotte Berg­steiger können statt dessen auch den län­geren und schwierigeren NO-Grat klet­tern. Dessen vielzackige Schneide bietet zwar noch so manche schöne Kletterstel­le im III. Schwierigkeitsgrad zusätzlich, erfordert aber wegen des weniger abge­kletterten Gesteins auch mehr Erfahrung und Vorsicht. Sowohl beim Litzner­Hochjoch zwischen Großlitzner und Seehorn als auch für den Abstieg vom Seehorn durch die Westflanke können Eispickel und Steigeisen notwendig sein. Den kühn geschwungenen Firngrat des Litzner-Hochjochs erreicht man durch Abklettern des Litzner-Westgrates. Die Schlüsselstellen dieser Route sind schon vorher an den eingerichteten Abseilstel­len mit einer ganzen Anzahl von Reep­schnurschlingen erkennbar. Die beiden Abseilstellen sind zum Teil überhän­gend, führen jedoch in leichteres Gelän­de. Nach Überschreiten des Hochjochs gehen die Schwierigkeiten des nun fol­genden Seehorn-SO-Grates nicht mehr über den I. Grad hinaus. Erst der Ab­stieg vom Großen Seehorn über NW-Grat und W-Flanke zeigt Kletterstellen im II. Grad, doch werden diese im Früh­sommer durch Firnauflage, im späteren Herbst durch Zwischen- und Abseilha­ken entschärft.

Große Vallüla (2813 m) über den Normalweg von Süden

Ausgangspunkt: Bieler Höhe, ca. 2030 m

Kletterschwierigkeit: teils II und I Dauer: Parkplatz bis Gipfel ca. 3 Std.

Beste Jahreszeit: Juni bis September.

Kurzcharakteristik: Herrliche Aussichts­pyramide, Anstieg erfordert nur im obe­ren Teil Kletterei, großteils Wanderweg über Almwiesen bzw. Firn. Vom Gipfel kann man das gesamte Montafon und Paznaun und im Süden das Panorama des Silvretta-Hauptkammes bewundern.

Valluela NW GratRoute: Vom Parkplatz Bieler Höhe in nordöstlicher Richtung über wellige Almböden und dann ansteigend in Ser­pentinen dem Vallüla-Steig folgen. Eine grasige Hangschulter (ca. 2200 m) ent­lang quert man den Berg weiter hinauf und folgt den Markierungen vorbei un­ter dem Gipfel der Kleinen Vallüla und der Scharte zwischen Kleiner und Gro­ßer Vallüla, bis sich der Weg in Kehren zur Vallüla-Scharte hinaufwindet (steiler Firn oder im Herbst brüchige Schrofen­kletterei). Die Vallüla-Scharte befindet sich im Verlauf des Südgrates der Großen Vallüla zwischen dem ersten mar­kanten Gratturm und dem weiteren Gip­felgrat. Man steigt einige Meter ab und folgt den Kletterspuren wieder über ge­stuften Fels auf den Südgrat. In knappen Kehren über die teilweise begrünten Felsstufen mit immer wieder sichtbaren Steigspuren hinauf zum Gipfel. Der Normalweg wird sehr gern und viel begangen und ist vor allem auch für den Abstieg der NW-Grat-Begeher und Süd­grat-Besteiger wichtig.

Große Vallüla, Südgrat

Kletterschwierigkeit: II, teilweise III Dauer: 3 1/2-4 Std. ab Bieler Höhe

Nach Umgehung des ersten Turmes (öst­lich und durch das Kar und die Firnrin­ne der SO-Flanke) können die weiteren Türme bis zum Gipfel entweder östlich umgangen oder in anregender und lufti­ger Kletterei direkt überstiegen werden.

Große Vallüla, NW-Grat

Kletterschwierigkeit: IV und III

Dauer: ab Einstieg im NW-Grat 5-6 Stunden Kletterei.

Kurzcharakteristik: Großzügige klassi­sche und urtümliche Kletterei von west­alpinem Format. So gewaltig die Ein­drücke dieser Kletterei auch sind: Bis zum Frühjahr 1986 gab es in der ganzen Tour nur einen spärlichen Abseilhaken, aber keinen für Standplatz oder Zwi­schensicherungen!

Material: Bandschlingen und Klemm­keile sind empfehlenswert.

Route: Von der Bieler Höhe den Mar­kierungen des Vallüla-Normalweges fol­gen bis zur Scharte zwischen Kleiner Vallüla und dem ersten Turm des Gro­ße-Vallüla-Südgrates. Die Wegspuren verläßt man ca. 20 Höhenmeter unter der Scharte, überschreitet diese nach Norden und steigt noch einige Minuten ab. Erst in nördlicher, später in NW-Richtung quert man leicht fallend die Blockhalden und Firnfelder. Nach ca. 1 km ergibt sich die Möglichkeit, über sehr steile Firn-(oder später im Jahr Gras-)Rinnen wieder zum Grat hinauf­zusteigen, den man vor einem mächtigen alleinstehenden Turm erreicht. Bis hier­her von der Bieler Höhe gut 2’/2 Std. Der erste große Turm kann am leichtesten im Zickzack erstiegen werden, doch verlei­ten die unberührt wirkenden Platten auch zu interessanten Abstechern (die dann über den IV. Schwierigkeitsgrad hinausgehen).

Vom höchsten Punkt des Turmes in die Scharte hinunter und über Platten schwierig weiter auf den nächsten Grat-turm. Dieser wird an der Kante erstiegen und in die nächste Einschartung über­schritten.

vrnl. Scharte, Winterberg, Litzner Vorgipfel, Gross Litzner, Gross Seehorn, Seehornluecke, Klein SeehornNach einer abdrängenden Querung klet­tert man eine nach unten offene, mit einem Überhang abbrechende Ver­schneidung ab nach NO, aus der man in einer ansteigenden Linksquerung wieder die Gratschneide erreicht. (Schlüsselstel­le, kann mittels Abseilen vom darüber

befindlichen Gratturm über einen stark vorspringenden Überhang auch vermie­den werden.) Der nächste Turm und alle anderen Aufschwünge sollten nach Überwindung dieser Schwierigkeiten keine Probleme mehr bereiten. Es gibt auch hier wieder verschiedene Routen­möglichkeiten, bis das Gipfelkreuz mit dem Buch erreicht wird.

Vorsicht! Bei Gewitter bietet diese lange und hochalpine Gratkletterei kaum Fluchtmöglichkeiten außer über den Gipfel !

Großes Seehorn (3121 m) Normalanstieg über W-Flanke und obe­ren NW-Grat

Ausgangspunkt: Saarbrücker Hütte Kletterschwierigkeit: II und I

Dauer: Hütte bis Gipfel 2’/2-3 Std. Beste

Jahreszeit: Juli bis September

Kurzcharakteristik : Stolze dreiseitige Pyramide, Grenzgipfel zwischen der Schweiz und Osterreich wie der Groß­litzner und mit diesem zusammen das „schönste Gipfelpaar der Silvretta”. Das Gipfelpanorama ist hervorragend, die einfachste Anstiegsmöglichkeit ist zwar leichter als auf den Großlitzner, erfor­dert aber doch Klettern und manchmal einen Eispickel.

Route: Von der Hütte unter den Fels­wänden des Kleinen Litzner nach We­sten und dann über den Litzner-Glet­scher nach Süden. Den steiler werden­den Hang empor und nach Westen zum tiefsten Punkt zwischen Östlicher Kro­merspitze und Großem Seehorn, der Seelücke (2772 m). Weiter nach Süden den Seegletscher aufwärts und linkshal­tend (in südöstlicher Richtung) empor, bis man den Wandfuß der felsigen West­flanke erreicht. Je nach Jahreszeit und Firnverhältnissen mehr über Firnrinnen oder über Felsrippen und Felsrinnen empor, bis man bei einer ausgeprägten doppelten Scharte etwa in der Mitte des NW-Grates aussteigen kann. Der weite­re Aufstieg führt in anregender, ab­wechslungsreicher Kletterei unmittelbar auf den Gipfel.

Das Wichtigste in Kürze

AV-Führer: Silvretta von Walther Flaig, Rother-Verlag München : Dem bei der 9. Auflage 1981 leider gekürzten Führer feh­len gegenüber der 6. Auflage 1962 z. B. nicht nur rund 200 Seiten Text, sondern vor allem wichtige Skizzen und Infos.

AV-Karte: Silvretta, 1:25 000

Die Silvretta-Hochalpenstraße (Maut!) ist im Winter gesperrt und etwa ab Pfingsten bis Ende September befahrbar.

Stützpunkte: Saarbrücker Hütte, DAV, 2538 m, vom Vermunt-Stausee oder der Bieler Höhe ca. 3 Stunden

Bieler Höhe: Ho­tel Silvrettasee, Madlehnerhaus (1986 m),  Alpengasthof Piz Buin, 2030 m, an der Paßhöhe, Post A-6563 Galtür.