Frühjahrsklettereien im Wilden Kaiser

 
 

Im Mai zieht es die Kletterer wieder an die Felswände. In den Alpen jedoch ist längst noch nicht jede Route begehbar. Drei Ge­nußtouren im Wilden Kaiser, die im Früh­jahr schon machbar sind, Touren für Extre­me, die den fünften und sechsten Schwierigkeitsgrad beherrschen.

Das Frühjahr zieht wie­der ins Land, und viele Kletterer suchen wie jedes Jahr nach Möglichkei­ten, im VI. oder unteren VII. Grad die Saison im Gebirge zu eröffnen. Viele Touren bieten sich an, oft sind sie jedoch schon altbekannt, oft ist der Abstieg noch schneebedeckt und zu gefährlich, und oft sind die Routen für den Anfang ein­fach noch zu anspruchsvoll. Wer sich in ein paar sonnigen Tagen im Mai oder schon Ende April „warmklettern“ will, der findet auf diesen Seiten eine Handvoll Vorschläge, welche gleich mehrere im Frühjahr geschätzte Vorzüge in sich vereinen. Rasch abge­trocknete Wände, problemlo­se Zustiege, ungefährliche Ab­stiege und durchwegs sichere Standplätze entspannen die im Winter vielleicht etwas ver­krampfte Psyche. Die Klette­reien selbst sind nicht allzu schwer, tun andererseits je­doch einiges dazu, die verlore­ne Moral wiederzugewinnen. Ein weiterer gewichtiger Vor­teil der meisten der nachfol­genden Führen ist, daß es sich nicht um marmorne, schweißi­ge Prachtstraßen handelt, sondern um Fels, in welchem jeder seine Griffe noch selber suchen und die Zwischensi­cherungen selber legen muß.

An-Ja  Karlspitze topo„An-Ja“, Karlspitze‑Ostwand

In der Ostwand der Karlspitze gab es bis 1983 nur eine sehr genußreiche Führe im VI. Schwierigkeitsgrad, nämlich die Göttner“,, welche beson­ders in Verbindung mit dem direkten Einstieg zu empfeh­len ist. Beinahe jeder Münch­ner oder Kufsteiner Kletterer hat sie schon einmal gemacht, vorzugsweise am ersten heißen Wochenende im April oder Mai, wenn die Sonne im noch prall mit Schnee gefüll­ten Kübelkar die Luft zum Flimmern bringt. Man sehnt sich dann eine Badehose her­bei und sieht ständig ein schäumendes Weißbier in ei­nem mit glitzerndem Kon­denswasser beschlagenen Glas vor sich.

Die Route „An-Ja“ wurde 1984 im April erstbegangen. Aller­dings gaben sich an diesem Tag Bruthitze und Eiseskälte die Hand, worüber aber die Schönheit der Kletterei mit Leichtigkeit hinwegtröstete. Ein moderner Genußsechser wurde gefunden; zwei ge­schlagene Haken, Sicherung an teils schwierig zu legenden, aber sicheren Klemmkeilen, herrlicher Kalkfels, typische Kaiserrisse, T-Shirt-Kletterei und eine Abseilpiste mit ein­betonierten DAV-Sicherheits­haken, welche auch im Früh­jahrsschnee mühelos gefun­den werden können.

Schwierigkeit: VI +

Einstieg: Im rechten Teil des Sockels der Karlspitze befindet sich ein grasiger, unten kurz überhängender Riß, wel­cher von einem kleinen Schro­fenvorbau aus beginnt. Führe: Siehe Skizze. Ober­halb des Grasbandes fällt zwi­schen der Göttnerführe (viele Haken) und der Bergspinnenkante (etwas links der Kante) ein senkrechter, nach 25 m leicht überhängender Riß auf. Durch diesen leitet die Führe hinauf.

Abstieg: Vom Gipfel etwa 20 m in nördlicher Richtung in eine Scharte abklettern. Hier Beginn der Abseilpiste (einbe­tonierte Haken). Am Grasband dann in nördlicher Richtung auf Steigspuren ins Kübelkar zurückqueren.

Material: Hex. bis Größe 10, Friends, Stopper

Zeit: ca. 3 Stunden

Gschtöpsl Bauernpredigtstuhl topo„Gschtöpsl“, Bauernpredigtstuhl

Sollte man im Kübelkar ste­hen und feststellen, daß man wieder einmal der letzte ist und alle gängigen Touren be­reits belagert werden, so bie­tet sich seit Herbst 85 eine neue Möglichkeit, den Tag doch noch mit einer schönen Führe und vor allem ohne War-terei auszufüllen. Die Rede ist vom „Gschtöpsl“, so genannt, weil es trotz halbwegs logi­scher Linienführung mehrfach auf wenigen Metern mit einer anderen Führe, nämlich der Rittlerkante, gemeinsam ver­läuft. Nichtsdestoweniger fin­det man elegante Klette­rei, Stellen, die bedeutend schwerer aussehen, als sie wirklich sind, und meist sehr gute Standplätze (wer die Erstbegeher und ihren ausge­prägten Hang zur Sicherheit kennt, weiß das ohnehin). Auch hier ist der Abstieg mit den im Kaiser schon fast obli­gaten DAV-Sicherheitshaken versehen, was Schnee- und Abstiegsängstlingen das Le­ben sehr zu versüßen vermag. Noch ein Tip: Am besten erst mittags einsteigen, der Sonne wegen. Die Zeit reicht voll­kommen aus.

Schwierigkeit: VI

Einstieg: Die Westwand des Bauernpredigtstuhles wird rechts von der sogenannten Rittlerkante begrenzt. Ein­stieg knapp links der Kante, zunächst dem direkten Re­bitscheinstieg folgend, jedoch nicht mit diesem nach rechts zur Kante querend, sondern zunächst gerade weiter.

Führe: Siehe Skizze

Abstieg: Vom Gipfel zu­nächst in östlicher Richtung etwa 20 m leicht abwärts klet­ternd am Grat entlang bis zu einbetoniertem Abseilhaken auf der Südseite des Gipfel­aufbaus. Hier 20 m abseilen. Nun ca. 60 m in südlicher Rich­tung, zunächst abkletternd, dann auf Steigspuren, zuletzt in westlicher Richtung zu Drahtseil abklettern, welches zum ersten der vier einbeto­nierten Abseilhaken leitet. Material: Hex. bis Größe 8, Friends 2 und 3 vorteilhaft, Stopper

Zeit: 2 bis 3 Stunden

Go Nutz Fleischbank topo„Go Nutz“, Fleischbank-SO-Wand

Ein merkwürdiger Name? Weit gefehlt, er hat seine Berechtigung, er drängt sich geradezu auf! „Go Nutz“ befindet sich in einem Wandteil der Fleisch­bank, welcher seit wenigen Jahren mehrere Führen mit spanisch oder besser eng­lisch klingenden Namen birgt. “Faster upstairs“, „Slower downstairs“ und „Long Schaot“ (Tirolo-Englisch) wurden da ins Leben gerufen, und manchen Nicht-Weltenbummler macht diese Namensgebung eben verrückt. „Go Nutz“ ist ein Slang-Ausdruck für „wahnsin­nig werden“ und paßt so in jeder Beziehung gut ins „amerikanische Eck“ an der Fleisch­bank.

Obwohl „Go Nutz“ nur eine be­scheidene Ausstiegsvariante von etwa 130 Metern zur klas­sischen SO-Wand ist, finden sich in ihr mit der vorletzten Seillänge die wohl schönsten 40 Meter im VI. und VII. Schwierigkeitsgrad an der Fleischbank. Eine graue, wie betoniert aussehende Ver­schneidung mit unverhofft auftretenden Möglichkeiten für kleine Stopper in der rech­ten Verschneidungswand wird den Begehern manch verzückten Seufzer entlocken, Ehrenwort.

Die gesamte Führe ist mit Bohrhaken abgesichert, der untere Teil (klassische SO-Wand) mit DAV-Haken, der obere Teil (Go Nutz) mit vier Petzlbohrhaken.

Schwierigkeit: VI +, eine Stelle VII

Einstieg: Vom Ellmauer Tor (Übergang Kübelkar-Steiner­ne Rinne) zu einer Rinne, wel­che zwischen Christaturm und Fleischbank herabzieht. Diese oder knapp links davon zu­nächst hinauf, bis man nach rechts hinaus (nördlich), zu­letzt auf einem Band unter die SO-Wand queren kann. Hier einbetonierter Haken.

Führe: Siehe Skizze. Ab dem Band kann man auch den Aus­stieg über die klassische SO-Wand wählen, welcher aber weitaus weniger schön und in­teressant ist.

Abstieg: Vom Gipfel aus in westlicher Richtung ca. 60 m eine Rinne hinab. Vom Fuß der Rinne südlich auf Steigspuren um den Christaturm herum und immer südlich haltend im Gegenanstieg zunächst in Richtung Karlspitze hinauf.

Achtung! Nicht in die Scharte unmittelbar südlich des Chri­staturmes! Nun auf Steigspu­ren mit einmaligem Abseilen (evtl. öfters, einbetonierte Ha­ken) in die Steinerne Rinne und zum Ellmauer Tor zurück.

Material: Hex. bis Größe 9, Friends 2 und 3, Stopper

Zeit: 3 bis 4 Stunden

So kommt man hin
Gebiet: Wilder Kaiser, Tirol.

Talort: Scheffau auf der Südseite des Wilden Kai­sers (München – Auto­bahn Richtung Innsbruck – Ausfahrt Kufstein Süd – Richtung Kitzbühel – Scheffau: 120 km)

Ausgangspunkt: Wo­chenbrunner Alm, von Scheffau aus auf einer Fahrstraße (5 km) in nördlicher Richtung zu erreichen.

Zugang: Zu den Touren ,,An-Ja“, „Gschtöpsl“ und „Go Nutz“: Von der Wochenbrunner Alm in nördlicher Richtung über die Gaudeamushütte Übernachtungsmög­lichkeit, netter Wirt) ins „Kübelkar“ Zur Linken steht dann die Karlspit­ze, zur Rechten der Bau­ernpredigtstuhl, und ge­radeaus erscheint hinter dem Eilmauer Tor, dem Übergang zwischen Steinerner Rinne und Kü­belkar, die Fleischbank mit ihrer Südost-Wand, links flankiert vom spit­zen Christaturm.

Ausweichtouren an den drei Wänden

Karlspitze: „Göttner Führe“ links der „An-Ja“, VI-, viele Haken. Sehr empfehlenswert in Verbindung mit dem di­rekten Einstieg durch den Sockel, VI.

„Karlspitzpfeiler“: 200 m nördlich (in Richtung Eilmauer Tor) imponiert ein ca. 160 m hoher senkrechter Pfeiler. An der SO-Kante desselben leitet die wunderschöne Route empor; VI, evtl. eine Stelle VII-, 6 SL, leicht zu finden.

Bauernpredigtstuhl: ,,Lucke-Strobl-Riß“, welcher durch die Mitte der Westwand (Überhang in Wandmitte) gera­de emporzieht, Vl+, gut abgesichert, Hex. bis Größe 9 ratsam.

„Alte Westwand“ zwischen „Lucke-Strobl-Riß“ und „Gschtöpsl“; sehr markant ein 30-m-Quergang in Wand­mitte nach links zur „Lucke-Strobl-Führe“; VI-.

Fleischbank: SO-Wand: Statt dem „Go-Nutz“-Ausstieg kann man auch über die klassische SO-Wand ausstei­gen, hierzu auf dem Grasband 40 m nach rechts queren bis zu weiteren einbetonierten Bohrhaken. Von hier gerade weiter hinauf in abgegriffenem Fels; VI.