DER MANNSCHAFTSZUG – Spaltensturz und Bergung

 
 

Im ersten Teil dieser Serie haben Sie gelernt, wie Sie den Gletscher betreten. Exakt einge­bunden achten wir auf die richtigen Seilab­stände und bewegen uns im Spaltengelände mit größter Vorsicht. Aber irgendwann pas-siert’s doch: Eine Schneebrücke bricht, ein Seilschaftsmitglied stürzt in eine Spalte. Wie Sie richtig handeln, sagt Alfred Siegert in dieser Folge.

Eine gut aufeinander eingespielte Dreier- oder Viererseilschaft sollte für die Bergung im Normalfall höch­stens zehn Minuten brauchen. Dazu ist eine wenig aufwen­dige Methode notwendig:

Die Bergung mit »Loser Rolle«  und Mannschaftszug nach ei­nem Flaschenzugprinzip, das den Kraftaufwand der Helfer reduziert.
Versetzen wir uns in die Si­tuation des überraschenden Spaltensturzes. Der Seilerste einer Dreierseilschaft bricht in eine Spalte ein. Was ist zu tun?

1. Den Sturz halten Mittel- und Hintermann stem­men sich sofort und mit allen Kräften gegen den Seilzug. Wenn möglich, die Skier querstellen.

2. Eine Verankerung bauen Der Hintermann hält das Seil auf Zug, während der Seilzweite, ohne sich auszubinden, mit seinen Skiern eine T-Veranke­rung vorbereitet.

3. Den Gestürzten fixieren Der Seilzweite legt seine vor­dere Prusikschlinge mit Anker­stich um den T-Anker und sorgt dafür, daß die Veranke­rung gut hält (ausreichend tief eingraben). Nun kann diese, über den Prusikknoten, vor­sichtig belastet werden, der in der Spalte Befindliche ist fixiert.

4. Kontakt zum Ge­stürzten aufnehmen Der Seilzweite (-mittelmann) hängt einen Strang seiner zwei­ten Prusikschlinge mit Sack­stich oder Achterknoten in seinen Schraubkarabiner, ist damit selbstgesichert und kann sich nun aus dem Seil lösen. Während sich der Hintermann oder der Zweite auf die Ver­ankerung stellt, geht der An­dere bis an den Spaltenrand vor und läßt mit der durch das Ausseilen freigewor­denen Seilreserve die »Lose Rolle« (Karabiner oder Kara­biner mit Rolle im Seil) zum Gestürzten hinunter. Dieser hängt die »Lose Rolle« in seinem Brustgurt ein.

5. Den Gestürzten bergen Der Seilzweite (-mittelmann) stellt mit dem anderen Strang seiner zweiten Prusikschlinge eine Rücklaufsicherung (mit ge­stecktem Prusikknoten, siehe Abb.) für das Zugseil her, dann kann die Bergung beginnen: Mit beidarmigen Zügen wird der Gestürzte von seinen beiden Gefährten aus der Spalte ge­holt. Nach jedem Zug muß der Sicherungs-Prusikknoten wieder nach vorne geschoben werden.

Was sonst noch zu beachten ist

  • Der Zug über den Spalten­rand kann problematisch sein. Hat sich das Seil in die Wächte eingeschnitten, muß diese unter Umständen weggepickelt werden.
  • Zur Verringerung der Rei­bung beim Hochziehen wird unter das Zugseil ein Pickel oder ein Rucksack (absichern!) gelegt.
  • Reicht die durch das Aus­binden des Mittelmannes ent­standene Seilreserve nicht aus und steht keine andere Seil­schaft zur Verfügung, muß eine zusätzliche Verankerung näher am Spaltenrand angelegt werden. Sollte das Seil auch dann nicht reichen, hilft nur ein anderes Verfahren.
  • Die beschriebene Berge-methode ist die schnellste und unkomplizierteste. Besonders von einer Vierer- oder mit Hilfe einer weiteren Seilschaft läßt sie sich sehr rasch durch­führen. Sie setzt allerdings voraus, daß der Gestürzte selbst noch aktionsfähig ist. Er wird es bei einem Spaltensturz in der Regel bleiben, wenn er sich richtig angeseilt hat (siehe Teil I). Außerdem kann er sich mit seinen Prusikschlingen selbst entlasten, bis die Berge­vorbereitungen abgeschlossen sind.