Extremgenuß am Hochkönig – Prechtige Klettertouren

 
 

Lange Zeit waren die Fels­wände im Hochkönig und Tennengebirge Geheimtips für wenige Kletterer, die die Einsamkeit genießen wollten.

Doch das konnte ja wohl kein Dauerzustand bleiben. Immer­hin gehören die Wände rund um Bischofshofen zu den Trai­ningsgebieten so prominenter Bergsteiger wie dem Abtenau­er Georg „Joe” Bachler, dem Bischofshofener Thomas Bu­bendorfer und last not least dem unbestrittenen Lokalma­tador und Spitzenkletterer Al­bert Precht, der mit unglaubli­cher Energie und Ausdauer Erstbegehung an Erstbege­hung reihte.

Die Bewertung seiner Routen war öfter einmal so streng, daß er den Wiederholern das Fürchten lehrte. Doch zeich­nen sich seine Routen nicht nur durch extreme Schwierig­keit aus, sondern vor allem durch Eleganz. Wer einmal eine „Prechtige” Tour ge­schafft hat, wird wohl bald wie­der danach verlangen. Denn der Hochkönig als Fast-Drei­tausender kann nicht nur mit einem kleinen Gletscher im Gipfelbereich aufwarten. Er beeindruckt mit einer großar­tigen hochalpinen Landschaft und – als Rarität – mit dem wie­dererrichteten Matrashaus di­rekt auf dem 2941 Meter ho­hen Gipfel. Doch auch auf dem Arthurhaus, welches man mit dem Auto oder Bus erreichen kann, oder auf der kaum eine halbe Stunde davon entfern­ten Mitterfeldalm findet man gastliche Aufnahme. Die Hüt­ten haben Atmosphäre, die Wirtsleute sind freundlich, und sogar bei Schlechtwetter braucht niemand Langeweile zu fürchten: Wer nicht bei Gi­tarrenklang Lieder aus Berg und Tal singen möchte, kann sich in Ruhe dem Routenstu­dium widmen. Und vielleicht entdeckt man dabei noch eine weitere prächtige Tour.

Die Routen im einzelnen

Mannlwand

(auch Manndlwand), 2684 m Die „Mannlwand” hat ihren Na­men von den rund 30 Türmen, Spitzen und Zacken, die aus dem Höhenzug zwischen der Schranbachscharte und der Mitterfeldalm wie viele kleine „Manndln” herausragen und daraus ein Eldorado für Klette­rer machen. Die Überschrei­tung des gesamten Kammes ist eine gewaltige und großzü­gige Felsklettertour, die auch geübte Kletterer 10 bis 12 Stunden beschäftigt, obwohl sie über den vierten Schwie­rigkeitsgrad nicht hinausgeht. Einige „junge” Routen auf mar­kante Gipfel sollen beschrie­ben werden:

Kl. BratschenkopfKl. Bratschenkopf 2685 m

Nordpfeiler, ,,Quasimodo” Kurzbeschreibung: Vollkom­men freie Kletterei in sehr fe­stem Fels, sehr empfehlens­wert, hochinteressante Klet­terstellen.

Schwierigkeit: Nach den er­sten beiden Seillängen durch­gehend V, V+ und VI.

Kletterlänge: ca. 175 m

Lage: Auf dem Normalweg von der Mitterfeldalm zum Hochköniggipfel erhebt sich im oberen Ochsenkar gegen­über der Torsäule auf der lin­ken Seite die stark geglieder­te Nordostwand des kleinen Bratschenkopfes. In der östli­chen (linken) Wandhälfte führt die Route über den höchsten, mittleren, markantesten der drei Pfeiler.

Material: Für Zwischensiche­rungen ist ein Satz Klemmkei­le ausreichend.

Zustieg, Einstieg: Von der Mitterfeldalm auf dem mar­kierten Weg Richtung Hochkö­nig und in der Verflachung des oberen Ochsenkares linkshaltend zum Fuß des erwähnten mittleren, höchsten Pfeilers der KI.-Bratschenkopf-Nord­wand. Einstieg in ca. 2400 m Höhe, an der rechten Pfeilerkante.

Routenverlauf: Zwei Seillän­gen über Platten aufwärts zu einem Schuttband (ca. IV). Die hier ansetzende Felsplatte wird bei einigen Felszacken schräg rechts aufwärts ge­quert (1. Schlüsselstelle, sehr kleingriffig, keine Zwischensi­cherung, VI). Am oberen Ende Hangelquergang an schmaler Griffleiste nach rechts bis zum Beginn einer steilen Ver­schneidung, die nach links aufwärts führt (V+ und VI, zweite Schlüsselstelle). Die Verschneidung selbst (VI und V+) und der Ausstiegskamin bieten fantastische Kletterei in bestem Fels.

1. Beg.: Precht/Aschauer, 1983

Kleiner SattelkopfKleiner Sattelkopf 2450 m

Südwand, „Happy for you” Kurzbeschreibung: Anspruchsvolle Freikletterei in sehr gutem Fels, mit interes­santen Kletterstellen. Schwierigkeit: VI—, meist V— bis V+.

Kletterlänge: ca. 300 m

Lage, Zustieg: Vom Weg zwi­schen Arthurhaus und Wie­dersbergalm ca. 500 m östlich des Arthurhauses nördlich aufwärts und über Firnfelder oder Geröll bis zum Felsvor­bau der kleinen Sattelköpfe, wo die große Schlucht rechts in nordöstlicher Richtung zum Großen Sattelkopf aufwärtszieht.

Einstieg, Routenverlauf: Die Route folgt einer Reihe von Rissen und Verschneidungen, die rechts der Gipfelfallinie nach oben ziehen. Den Ein­stieg vermittelt eine meist nasse Verschneidung neben einer ausgeprägten Nische mit Felsdach. Die Querung aus der Einstiegsverschneidung in die links befindliche Plat­tenwand wird bei Nässe am besten mittels Seilquergang technisch bewältigt, ist aber bei Trockenheit wohl auch frei möglich.

1. Beg.: Precht/Bachler, 1983

KönigskoepflKönigsköpfl 2634 m

Südpfeiler, „Schweine­bauch” Kurzbeschreibung: Sehr an­spruchsvolle Platten-, Riß-und Verschneidungskletterei, Schlüsselstelle: VII.

Schwierigkeit: Meist IV+ bis V+, 6 Meter VII (Platte).

Kletterlänge: ca. 300 m

Lage, Zustieg: Von der Wie­dersbergalm, Mitterfeldalm oder vom Arthurhaus auf Steigspuren südlich der Mannlwände aufwärts queren, bis man die SW-Schlucht zwischen Königsköpfl und Hoch­stellkopf (”’s Klamml”) – auf der AV-Karte verzeichnet – em­porsteigen kann.

Oder man geht von der Mitter­feldalm den markierten Weg Richtung Hochkönig und zweigt bei der Torsäule in ca. 2300 m Höhe nach Süden ab. Damit erreicht man die obere Einschartung des „Klamml” und mit einem Abstieg von ca. 150 m den Einstieg zur Route.

Routenverlauf: Einstieg bei der ersten relativ leicht erklet­terbaren Stelle westlich der glatten, bauchigen Platten­wand; über diese Plattenzone führt der weitere Anstieg.

1. Beg.: Precht/Neumayer, 1983

torsauleTorsäule 2586 m

Südwand, „Mozart” Kurzbeschreibung: Extrem schwierige, abwechslungsrei­che, teilweise sehr anspruchs­volle und kraftraubende Frei­kletterei. Das gesamte bei der Erstbesteigung verwendete Material (zwölf Zwischenha­ken, einige Sanduhrschlingen) verblieb im Fels. Die Freiklet­terpassagen können zusätz­lich mit Klemmkeilen sehr gut abgesichert werden.

Schwierigkeiten: VII— (3 Stellen), im oberen Wandteil durchgehend zwischen V und VI, eine Stelle A 1, zwei Stellen A O. Unterer Wandteil IV bis V.

Kletterlänge: 235 m

Lage, Zustieg: Von der Mitterfeldalm dem markierten Weg zum Hochkönig folgend, kommt man in 2300 m Höhe direkt am Einstieg vorbei.

Routenverlauf: Die Tour ver­läuft durch die steile Wand­flucht rechts der Südver­schneidung. Wegen der sehr kompakten und geschlosse­nen Platten ist die Linienfüh­rung eher kompliziert.

1. Beg.: Precht/Wenger, 1983

oestlicher-schoberkopföstl. Schoberkopf 2523 m

SO-Wand: 3 Kletterrouten: „Schwarze Spur” Kurzbeschreibung: Außer­gewöhnlich schöne Kletterei, die eine vom Einstieg bis zum Gipfel ziehende schwarze und meist sehr ausgeprägte Was­serrille ergibt. Meist erst ab August trockene Verhältnisse!

Schwierigkeit: V— (eine Pas­sage), sonst vorwiegend IV+

Kletterlänge: ca. 300 m

Lage, Zustieg: Von der Mitter­feldalm den markierten Weg Richtung Hochkönig, bis man knapp vor Erreichen der Tor­säule in einer Höhe von ca. 21 50 m rechtwinklig nach rechts (Norden) abzweigt, und über den Hang, in gleicher Höhe ca. eben querend, am Teufelskirchl vorbei  nach etwa 500 m zum Einstieg.

Routenverlauf: siehe Topo.

„Direkte SO-Wand” Kurzbeschreibung: Sehr schöne Kletterei, meist trocken.

Schwierigkeit: V+ (eine Stel­le), sonst zwischen II und IV+.

Kletterlänge: ca. 250 m

Lage, Zustieg: wie „Schwarze Spur”

Routenverlauf: siehe Topo. „Pantomime”

Kurzbeschreibung: Anspruchsvolle, fantastische Plattenkletterei in einem kompakten Plattenschuß. Schönste und derzeit noch schwierigste Kletterroute in der SO-Wand. Trocknet auch nach Schlechtwetter sehr schnell wieder ab. Schwierigkeit: V+ (3 Passa­gen), Rest meist zwischen IV und V—.

Kletterlänge: ca. 250 m Lage, Zustieg: wie „Schwarze Spur”

Routenverlauf: siehe Topo. Allgemeines zu diesen drei Routen: Alle bei der Erstbege­hung (Precht/Wenger, 1985) verwendeten Sanduhrschlin­gen und Haken wurden belas­sen. Zusätzlich sind Friends Größe 2 bis 4 ratsam. Normale Stopper sind nur sehr be­grenzt einsetzbar.

Abstieg: Über die Schoberköpfe nach Westen zum Hoch­königsteig gehen oder über die Wand abklettern (Wasser­rillenweg, III).

gr.bratschenkopfGr. Bratschenkopf 2856 m

SO-Wand (Wetterwand), Flöte”

Kurzbeschreibung: Abwechslungsreiche Kletterei. Bis auf wenige kurze Stellen fester, guter Fels. Einige Sand­uhrschlingen wurden belas­sen.

Schwierigkeit: V+ (eine Stel­le), sonst durchwegs IV bis V. Kletterlänge: 400 m (III) + 350 m

Lage, Zustieg: Von der Wie­dersbergalm nach Nordwe­sten aufwärts. Der zweite, mar­kante Pfeiler, von der links ge­legenen Schlucht aus gese­hen, wird „Flöte” genannt. In Fallinie dieses Felsspornes leitet durch die schrofige Steilflanke eine vom Wasser glattgeschliffene Felsrinne. Diese rund 400 m lange Rinne im Schwierigkeitsgrad Ill führt in anregender Kletterei zum Einstieg.

Route im Auf- und Abstieg: An der Pfeilerkante oder rechts davon über Platten, durch Verschneidungen und Risse auf den Westgrat der SO-Wand. Den Grat aufwärts zum Gipfel oder abklettern (III) zum Wandfuß.

1. Beg.: Precht/Neumayer, 1983

Hochkönig 2941 m

hochkoenig-topoS-Wand, „Gloria Patri” Kurzbeschreibung: Eine an Klettergenuß kaum zu über­treffende Felsfahrt in ausge­sprochen festem Fels, haupt­sächlich Platten und steile, stark ausgeprägte Wasserril­len.

Notwendiges Material: 50‑m-Seil, kleines Sortiment an Haken, Klemmkeilen und Friends Gr. 2 bis 4 sind emp­fehlenswert. Sämtliche Stand­haken, Zwischenhaken und Sanduhrschlingen der Erstbe­geher blieben im Fels.

Schwierigkeit: Originalführe zwei Stellen VI, zwei Passagen A 0 (Haken im Fels, frei geklet­tert: VII). Linke, direkte Varian­te: eine Stelle VI; sonst über­wiegend zwischen IV+ u. V+. Kletterlänge: ca. 700 m

Lage, Zustieg: Von der Wie­dersbergalm oder vom Dientner Sattel (Gasthaus oder Birgkarhaus) in NO- bzw. NW-Richtung aufwärts in Richtung auf das Kar zwischen Wetter­wand und Gaißnase und den Dientnerweg aufwärts bis zur markanten, steilen, ca. 550 m hohen Schlußwand. Zwischen der durch das überhängende Schluchtsystem führenden Route (”Direttissima”) und dem scheinbar haltlosen Plattenschuß östlich davon („Don Juan”) befindet sich in unmit­telbarer Gipfelfallinie eine pralle Plattenfront, durch die die Route „Gloria patri” leitet.

Einstieg, Route: Den Dient­nerweg aufwärts bis zur Schlußwand, wo bei einer aus­geprägten Querleiste mit dar-überliegendem, markantem Verschneidungssturz der Dientnerweg verlassen wird. Überwiegend Plattenkletterei, ab ca. Juli/August der trockenste Anstieg im unmittelba­ren S-Wand-Bereich.

1. Beg.: Precht/Schwaiger/ Grugger am 24.8. 1985, directe Variante: Precht/Sucher, 3. 10. 1985.

Abstieg: Über den Hochkö­nigsteig zur Mitterfeldalm oder über die Birgkarscharte zum Dientner Sattel.

Das Wichtigste in Kürze

Anfahrt: Autobahn oder Ei­senbahn (von Norden über Salzburg) nach Bischofs­hofen bzw. Werfen. Weiter­fahrt mit Pkw oder Bus über Mühlbach am Hoch­könig bis Arthurhaus (Parcplatz) bzw. für die Hoc hkö­nig-Südwandrouten nach Mühlbach am Hochkönig und zur Wiedersbergalm, 1539 m, oder zum Dientner Sattel (Gasthaus oder Birg­karhaus, 1375 m).

Stützpunkte: Mitterfeldalm: 30 Min. vom Arthurhaus, beque­mer Weg (1670 m) Arthurhaus: direkt beim Parkplatz am Straßenende (1 502 m)

Alpengasthof Kopphüt­te: vor der Wiedersberg­alm (1309 m)

Birgkarhaus an der Stra­ße Bischofshofen-Saalfel­den am Dientner Sattel (1375 m)

Kartenmaterial: Übersichtskarte: Freytag & Berndt 1:100 000, Blatt 10 Berchtesgadener Land – Salzburger Kalkalpen; für etwas mehr Details F&B­Wanderkarte 1:50 000, Blatt 103 (Pongau – Hoch­könig – Saalfelden); ge­naueste Planung und Ori­entierung ermöglicht die

Alpenvereinskarte         im
Maßstab 1:25 000, Blatt 10/2, Hochkönig – Hagen­gebirge, die sogar eine Ne­benkarte Mannlwand im Maßstab 1:12 500 enthält.