Große Reibe – Zweitägige Skihochtour – Berchtesgadener Alpen

 
 

Toten Weib und weiter hinun­ter zum Funtensee. Wenn das Wetter hält: hinauf ins westliche Steinerne Meer, Hundstodscharte, Hochwieskes­sel, Loferer Seilergraben, Wimbach­grieß.

Durch steilen Wald lege ich in der ersten Frühdämmerung Wenden und Kehren in Richtung Blaue Lacke. Immer stärker wird der eisige Wind von Süden, von der Hochfläche, reißt den Pulverschnee aus Mulden und Gräben, hüllt mich in Schneewirbel, jagt durch die schütteren Föhren und Latschen. Zurück? Nein! Auf den hohen Gipfeln goldene Flächen: Die Sonne erhebt sich von Osten. Blaue Lacke: 50 Meter tiefer, runder Einbruch im Karst. Das Wasser des kleinen Sees ist von Eis und Schnee verdeckt. Der Über­gang zwischen Felswand und Steilhang ist unangenehm: schmale, steil nach oben ziehende Hohlkehle aus windge­preßtem Pulverschnee. Dahinter offene Talung, die zum Steinernen Meer hinauf­zieht. Der Eiswind jagt noch immer von der Hochfläche hinab und hängt lange Schneefahnen an Grate und Wächten. Der Schattenhang hinauf zum Beginn der Langen Gasse trägt gepreßten Harsch, auch Blankeisfelder, denen ich auswei­chen muß. Noch 50 Meter bis zur Hang­kante, die Sonne erreicht mich, der Sturm läßt nach. Vor mir im Süden liegt das weite Plateau des östlichen Steiner­nen Meeres. Die Randgipfel Brandhorn, Wildalmkirchl, Selbhorn zeigen ihre schattenkalten Nordflanken. Mein Weg liegt im Licht der höhersteigenden Son­ne: entlang der Langen Gasse überein­ander ablösende Terrassen, die zur Hüttentalhöhe hinaufziehen. Hier oben scheint die Schneefläche wie mit einem riesenhaften Formbesen gebürstet: Windkolke, nebeneinanderliegende Li­nien aus Gold und eisfarbenem Blau ziehen sich in vielfachen Windungen über den Rundkamm des Berges. Über mir wie der turmhohe Bug eines Schif­fes die steile Graterhebung des Wildalm­rotkopfes.

Auf Flügeln durch die Einöde

Hüttentalhöhe (2200 m). Felsblöcke, häu­sergroß, herabgebrochen vom Grat, lie­gen auf der fast ebenen Fläche. Noch die lange Querung entlang der Südflanke des Grates, dann erreiche ich den Paß Niederbrunnsulzen (2369 m). Ich habe fast dreieinhalb Stunden gebraucht. Harter Wind auch hier, Wolkenfelder am Westhimmel, tiefe Windkolke neben den abgeblasenen Felsen. Rechts steilt sich der Grat auf zum Griesbachrotenkopf (2542 m). Eine Gemse, braunschwarz, steht regungslos im felsdurchsetzten Steilhang. Der Wind klagt an- und ab­schwellend im ausgewaschenen Karren-fels, kein Laut sonst. Leer und verlassen liegt vor mir die weite Fläche des westli­chen Steinernen Meeres. Das Wetter sieht nicht so gut aus, hält es noch fünf Stunden?

Es ist keine Zeit für eine Rast. Schnell die Felle von den Ski und hinunter zum Fun­tensee, 700 Meter tiefer. In Minuten­schnelle ist die Talung am Toten Weib er­reicht. Weiter hinunter durch den mit tie­fem Pulverschnee gefüllten Stuhlgraben. Über den breiten Hang hinunter zur Feld­alm, zum Funtensee die letzte Abfahrt durch den Steilgraben, Pulverschnee. Hält das Wetter? Es muß. Teilweise be­deckter Himmel, aber die Sicht ist noch gut, kein Schneefall. Steiler Aufstieg aus dem Kessel des Funtensees. Durch dün­nen Lärchenwald in Windungen über Ge­ländeterrassen hinauf auf das Hirschen­törl. Das Steinerne Meer, kilometerweit, liegt offen vor meinen Augen. Große Rei­be — Weg ohne Begrenzung. Das Wetter verschlechtert sich. Zurück? Nein, so schnell es geht weiter zum Hundstod, den ich passieren muß auf der Route zum Loferer Seilergraben.

Dauerlauf hinunter in die großen Mulden vor dem Aufstieg, Höhenverlust. Harter Schnee, ich laufe wie auf Flügeln. Weiter durch die Einöde, hinauf über Mulden und Erhebungen zur Hundstodscharte mit der riesigen Plateauwächte. Der Gro­ße Hundstod (2594 m) ist wolkenbehan­gen, steilt sich aus Schneefeldern, Fels­aufschwüngen auf in den Nebel.

In Sicherheit

Querung weiter zum Dießbachegg, dem Einfahrtstor zur 400-Meter-Steilabfahrt. Felle abziehen, dann schräg nach rechts zwischen Felsblöcken hindurch in den breiten Steilhang des Hochwieskessels. Wechsel von Pulver und hartem Schnee auch hier, die Skikanten rasseln über den körnigen Harsch. Schwung an Schwung, hinunter und schnell weiter, der Nebel kommt. Tränentreibende Schußfahrt auf der riesigen, weniger geneigten Schnee­fläche des Kesselbodens, Entfernungen sind kaum schätzbar.

Mit hastigen Händen noch einmal die Felle aufkleben, schnell. Schneetreiben setzt ein, die Sicht wird schlechter, Däm­merung. Mühsam mit vollem Einsatz die Hänge zur Kematenschneid hinauf, stär­ker wird der Wind, aber gewonnen. Vor mir der Kamm, der zur