Große Reibe – Zweitägige Skihochtour – Berchtesgadener Alpen

 
 

offene Ab­fahrt über Pulverschneehänge der Son­ne entgegen: Hochfläche der Schlum, Karstgebirge mit Mulden, Erhebungen, Gräben, Gipfeln. Tief unter Schnee. Latscheninseln als grüne Flecken.

Am Ende der Welt

In leichtem Aufstieg ziehe ich die Spur in der Sonne durch Pulverschneemulden entlang den Steilrinnen des Kahlersber­ges, die dort, wo der Berg gegen Nord­osten abbricht, schräg in der Steilflanke hängen. Zielpunkt ist der weite Hochpaß zwischen Lengtalschneid und dem sich verflachenden Rücken des Kahlersber­ges. Aber auf dem Übergang bin ich nicht mehr sicher über den Routenver­lauf — gleite hinab in eine tiefe Senke —, Aufstieg. Ich habe das deutliche Gefühl, von der Route abgekommen zu sein. Doch von der letzten Erhebung sehe ich den Weiterweg, das erste Problem des heutigen Tages: der steile Aufstieg zum Blühnbachkopf (2269 m). Nordseitig, kalt im Schatten des Gipfels.

Abfahrt aus der Sonne in die Schatten­mulde unter dem Nordhang. Etwas zö­gernd beginne ich. Nach 20 Metern Halt, Ski abschnallen, Stufen treten. Der Steil­hang trägt Eis über dem Pulverschnee, auch Harscheisen greifen nicht mehr. Schritt für Schritt hinauf — aber in die Sonne zurück.

Vor mir, direkt im Süden, steht das Gro­ße Teufelshorn mit schwarz gebänderten Abstürzen über dem Eisgraben, den ich erreichen muß für die Abfahrt in die Röt und zur Wasseralm, meiner Zuflucht für die Nacht. Der direkte Weg, im Frühjahr gangbar, ist durch eine Wächte ver­sperrt. Ich muß den Umweg über den Jä­gerbrunntrog gehen, einen weit im Süd­osten gegen den Hochflächenabbruch vorspringenden Gipfel, um die oberste Eisgrabenscharte zu erreichen. Die Son­ne sinkt, frostige Schatten in den Tälern, Eiswind auf der Höhe.

Weglos folge ich den wenigen Steinzei­chen, flüchtige Spuren bleiben hinter mir auf den windüberwehten Grenzgipfeln. Jägerbrunntrog: Ende der Welt. Hinter mir die weite, zerfurchte Hochfläche, von der schrägen Sonne des Winternachmit­tages beschienen, vor mir der Blick sencrecht ins winterdunkle Blühnbachtal, 1300 Metertiefer, unbewohnt.

Die Hütte in der Schneewüste

Zu Fuß steige ich ab zur Einfahrt in den Eisgraben. Jetzt ist der Rückweg ver­sperrt, zeitlich nicht mehr möglich. Au­ßerdem: Bei Wetterumschwung wird die Wasseralm zur Falle, ohne Abstiegsmög­lichkeit. Bis hierher war die Tour ein schöner Ausflug, jetzt schließt sich die Tür hinter mir. Furcht oder Befreiung? Ich weiß es nicht.

Der Eisgraben: breite, unten steiler wer­dende Schlucht von der Hochfläche in den 700 Meter tiefer liegenden Kessel der Röt, beschattet von den Steilwänden des Teufelshorns, die schwarz und eisig im Dezemberdunkel über mir stehen.

Abfahrt: windgepreßter Harsch zu­nächst, Eisplatten dazwischen, gelblich, rauh, genarbt, dann Pulverschnee, knie­tief. Über Steilabfälle, durch Wald, Talflä­chen hinab in die Röt.

Wasseralm: unbewirtschaftete, offene Hütte (DAV Berchtesgaden). Verlassen steht sie auf der breiten Waldblöße. Kei­ne Spur im tiefen Schnee. Der breite Bach verschneit, gefroren, kein Wasser, alles still.

Die Hütte: Schlafraum, Küchenraum. Heute ist alles dunkel und eisig. Schnell Feuer machen im Herd. Schwache Glut, kein Zug, die Küche rauchgefüllt, keine Wärme! Erst als ich im Schein des schwachen Mondes auf das schneeüber­ladene Hüttendach gestiegen bin und den Kamin von der Schneelast befreit ha­be, zieht der Herd, frißt sich das Feuer prasselnd und knackend in die trockenen Fichtenscheite.

Tee kochen, trinken, essen, Holz nachle­gen. Kerzenlicht. Gedanken über Natur, über Technik, über Einsamkeit.

Immer wieder Verbesserung, Komplizie­rung der technischen Ausrüstung, der Bekleidung? Bringen sie mir etwas? Mehr Erfolg, mehr Sicherheit? Mag sein.

Mehr Erlebnis? Nein, Abhängigkeit! Mehr noch: Sie trennen mich von dem, was ich erleben möchte. Ohne Übertech­nik kann ich als einzelner aus dem techni­sierten Alltag in die Natur zurückkehren, für kurze, intensive Stunden ein Teil von ihr sein. Bin ich zu spät geboren? Oder ist es nur Nostalgie? Oder doch echtes Be­dürfnis? Ich glaube, jeder braucht es: zu­weilen allein, ohne Sicherheit dies alles erleben. Versuchen, die Mitte zu finden, das Bleibende vom Belanglosen zu tren­nen. Einsamkeit, notwendig Ziel und Be­zahlung.

Der Sturm am Steinernen Meer

Der Morgen bringt erneut klaren Him­mel. Nach dem Frühstück und Aufräu­men verlasse ich die Hütte um halb acht Uhr. Das nächste Ziel: Kärlingerhaus, Winterraum der Hütte am Funtensee auf 1600 Meter Höhe, jenseits des massigen Funtenseetauern, den ich umgehen muß. Ich habe neun Stunden Zeit, neun Stunden Tageslicht für den heutigen Weg: Aufstieg ins östliche Steinerne Meer und hinauf über die Lange Gasse zum Übergang Niederbrunnsulzen, etwa 1000 Meter Höhenunterschied. Dann Ab­fahrt zum