Große Reibe – Zweitägige Skihochtour – Berchtesgadener Alpen

 
 

Die Große Reib’n durch die Berchtes­gadener Alpen gehört heute zu den großartigsten Skirouten in den Ost­alpen. Sie führt durchs Hagengebir­ge und über das einsame Ödland des Steinernen Meeres. Die ersten Ski­tourenunternehmungen wurden in diesem Bereich zwar schon 1902, 1905 und 1909 durchgeführt, aber die Große Reib’n entwickelte sich erst in den zwanziger Jahren. Und dennoch ist die rassige und sehr an­spruchsvolle Zweitagestour in kei­nem gängigen Führerwerk beschrie­ben. Nachfahrer finden in diesem Heft einen Bergsteiger-Skiführer mit Skizze. Für den Bayern ist eine Reib’n oder Reibe eine Rundreise; er »reibt si umtue um d’Kurv’n«, in un­serem Fall also eine Skirunde. Eine Skirundtour, die es in sich hat. Be­sonders wenn man sie mitten im Hochwinter unternimmt wie Jo­achim Pahl, der auch noch allein un­terwegs war — das allerdings emp­fehlen wir nicht zur Nachahmung.

Ein Jahr vorher

Auffahrt mit der Jennerbahn von Königs­see. Auf Ski hinüber zum Stahlhaus am Torrener Joch. Kälte, Pulverschnee, Eis­wind. Aber der Himmel ist klar.

Gemeinsam mit der Gruppe zum Gipfel des Schneibstein (2276 m): Skispur im Wind- und Sonnenschatten des Berges. Kalt. Gipfel. Plötzlich ein eiskalter Sturm­überfall, drückt uns fast zu Boden, stäu­bender Flugschnee überall, aber oben unbewegt ein kaltes Feuer: Sonne. Wir­belnde Schneewolken verdecken die Sicht. Dann im Windschatten. Die weiten Flächen schneebedeckt. Hellste Sonne auf den blendendweiß überfluteten Hän­gen. Schwarze Markierungsstangen, groß, übermannshoch, stehen schief und verloren in der Ode, Wegweiser der Klei­nen Reibe, die nach Königssee zurüccführt. Ein langer Blick ins Hagengebirge, die Hochfläche liegt vor meinen Augen im Licht, zieht mich an, verspricht Frei­heit, Weite, Einsamkeit. Weiter zur Wind­scharte. Hier teilt sich die Route: Große Reibe links, Kleine Reibe rechts. Ich bin ein Stück voraus. Nur ein paar Schritte hinüber, ein kurzer Aufstieg und hinunter auf die Hochfläche der Schlumalm — Gro­ße Reibe, Weg ohne Begrenzung. Aber ich gehe rechts, heute gehe ich rechts.

Allein im Dezember

Große Reibe, jetzt, Ende Dezember, un­möglich? Überquerung von zwei Hoch­gebirgen: Hagengebirge, Steinernes Meer. Kaum Abstiegsmöglichkeit: der Rötsteig nicht begehbar, außerdem kein Schiffsverkehr auf dem Königssee von Salet! »Du brauchst Superausrüstung: Daunenjacke und -schlafsack, Biwakaus­rüstung, Kocher, Notproviant. Die Ver­hältnisse unsicher. Warum willst du das riskieren?« Riskiere ich etwas? Vielleicht. Aber ich habe die Hochfläche des Hagen­gebirges gesehen — vor fast einem Jahr, die Weite der Schlum. Und was ich su­che, ist das intensive Erlebnis ohne die Sicherheit der übertechnischen Ausrü­stung. Kein Biwakgepäck! Der Wetterbe­richt verspricht ein kurzes Hoch. Kann ich die Chance nützen?

Ich gehe — nehme außer der Skiausrü­stung nur die notwendige Kleidung mit, sonst nichts. Ja, Proviant für zwei Tage: Erster Tag: Torrener Joch — Wasseralm; zweiter Tag: Wasseralm — Wimbach­grieß. Der Rucksack wiegt nur acht Kilo­gramm. Was erwartet mich? Zunächst eine warme Hütte nach der Auffahrt mit der Seilbahn zum Jenner: das Stahlhaus mit dem immer freundlichen jungen Hüt­tenwirt Heli. Das Wetter: Nebel im Tal, Hochdruckeinfluß. Rauhreif, Pulver­schnee, Kälte in der Höhe.

Geschenk der Einsamkeit

Morgen: Gegen acht Uhr erhellt sich der Himmel. Wolkenlos, kein Nebel! Im Eis­schatten des Gipfels zum Schneibstein hinauf: Eine Stunde der Spur folgen über das abgeblasene Teufelsgemäuer, dann die weiten Hänge zur runden Kuppe des Berges. Was sich vor mir öffnet, ist der Ausblick vom Schneibsteingipfel auf den Weg des heutigen Tages: Hagengebirge, Geschenk der Einsamkeit, ohne Skispur, ohne Hütte. Unberührt, neu geschaffen liegt es unter der kargen Wintersonne. Hochplateau, scheinbar ohne Ende, mit Gipfeln und hohen Schneeflächen im Ge­genlicht— unbekanntes Land.

Noch einige Minuten den Skispuren fol­gen zur Windscharte. Links der Beginn der Großen Reibe: Überquerung des öden Hagengebirges bis zum Teufels­horn, dann weiter zum Steinernen Meer. Keine Spur vor mir.

Eine kurze Strecke steige ich auf zum Schlumkopf (2200 m). Ski anlegen, Ab­fahrt über den schmalen Bergrücken zum Hochsattel, dann befreiende,