Adamello – Ein Stück Arktis in Bella Italia

 
 

Stellen Sie sich vor, Sie fahren gerade­wegs in den Süden, hinein nach »Bella Italia«, und landen schließlich … in der Arktis! Diesen Eindruck wird man jedenfalls nicht los, wenn man ins Herz der Adamellogruppe eindringt. Da spannt sich ein gewaltiges Gletscherpla­teau zwischen den großen Gratzügen des Massivs auf, deren Gipfel, Nunatakkern (= eskim. für Bergspitzen, die aus dem Inlandeis herausragen) nicht unähnlich, aus der weitläufigen Eiswüste herausragen. Quasi sternförmig streichen Hochtäler in alle Himmelsrichtungen aus, um sich schließlich in die schon mediterran anmu­tenden Hauptfurchen der Valcamonica und der Valli Giudacarie abzusenken. Kein Zweifel, in der Adamellogruppe ma­nifestiert sich eine geballte Hochgebirgs­wucht, die von ihrer eisigen Strenge und nicht zuletzt von ihren starken Kontra­sten lebt. Da zeigt sich die italienische Bergwelt doch einmal von einer ganz an­deren, unvermutet rauen Seite …

Sternfahrt zum Adamello

Kaum verwunderlich, dass die Wege zum Gipfel des Adamello ausnahmslos sehr weit sind. So gerät die Tour fast schon zu einer kleinen Expedition, zumindest in emotionaler Hinsicht, taucht man doch in eine ganz eigene Welt ein: Abschied vom heiteren Charme der üp­pig grünenden Südalpentäler und hin­ein in wilde, ursprüngliche Bergreviere, die hier durchaus ein wenig wilder, ur­sprünglicher und nicht selten auch ab­weisender wirken als anderswo. Doch wer gewisse Strapazen auf sich zu neh­men bereit ist, dem wird sich die Landschaft öffnen und einige ihrer Geheim­nisse preisgeben. Aufgrund der topo­grafischen Struktur gibt es prinzipiell et­liche Zugangswege auf das Dach der Adamellogruppe. Von lombardischer Seite ziehen die Hochtäler von Avio, Miller, Salarno und Adamè bis an die Gipfelfestung heran, jedes mit seinem eigenen Hüttenstützpunkt. Besonders beliebt, mit der imposanten Adamello Nordwand als Schaustück auch beson­ders reizvoll, ist die Route vom Rifugio Garibaldi über den Passo Brizio, wo eine ausgesetzte Steilstufe in ortstypischem, granitähnlichem Tonalitgestein mit Hilfe von Ketten erklettert werden muss. Jenseits tritt man auf die Weiten der Vedretta del Mandrone über und kann dort in den klassischen Zugang von Trentiner Seite einfädeln, der in weitem Bogen über den Pian di Neve zum Gipfel zieht, oder sich gleich über den vorgelagerten Corno Bianco hermachen.

Aus dem Tal der Wasserfälle

(nur registrierte User sehen den Link, login oder registriere dich)Für deutschsprachige Besucher, die sich in dieser Alpengegend noch nie sehr zahlreich eingefunden haben, beginnt eine Adamello-Tour zumeist in der Val Genova. Als »Tal der Wasserfälle« mit ei­ner nahezu unverfälschten Natur (hier fehlen auch die Stauwerksanlagen, die auf lombardischer Seite fast jedes Hoch­tal »zieren«) lohnt es ohnehin einen Be­such, auch ohne größere bergsteigerische Ambitionen. Doch Fokus auf den Ada­mello: Der ist aus der Val Genova zwar noch längst nicht zu sehen, sein eisiger Hauch aber deutlich zu spüren. Schließ­lich fallen die Wasserfallkaskaden nicht einfach so vom Himmel, sondern werden aus den riesigen oberhalb gelegenen Eis­reservoirs gespeist, die wir später noch eindringlich kennen lernen.

In der Val Genova muss zunächst die Entscheidung für einen der beiden Stütz­punkte fallen: Schon auf knapp über 3000 Meter befindet sich das ein wenig an ein tibetisches Kloster (manche sagen auch an eine Kaserne) erinnernde Rifugio Lob­bia Alta, das vor wenigen Jahren wegen Abrutschgefahr gesperrt werden musste (aktuelle Erkundigungen empfehlens­wert). Man erreicht es am schnellsten über den nicht ganz einfachen Sentiero del Matarot. Zum anderen lockt das Rifu­gio Mandrone, dessen Vorläufer die erste Berghütte überhaupt in diesem Gebiet war, gebaut im Jahre 1879 übrigens von der Sektion Leipzig des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. In jener Zeit gehörte das Trentino ja der Donau­monarchie an, was später noch einige un­rühmliche Wirren mit sich bringen sollte (siehe Kasten).