Osttiroler Skitouren – Osttirol – Großvenediger

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Fast 200 Dreitausender, 1500 Quadratkilometer unberührte Landschaft und ganz viel Natur pur. Attribute, die Osttirol, das Land südlich des Felbertauern, ausmachen. Anderswo gibt es unzählige Lifte, hier hingegen Skitourenziele wie Sand am Meer. Solche für Einsteiger genauso wie solche für die »Profis«, für den Hochwinter und für das (anbrechende) Frühjahr. Ganz besondere Highlights warten in der Region des Nationalparks Hohe Tauern.

Das Kalenderblatt zeigt Ende Juni, die Uhr kurz nach »High noon« und das Thermometer gefühlte 30 Grad. Alles andere als Skitourenzeit! Meine Blicke richten sich zur Laserzwand, in der sich die Kletterer austoben. Der Schweiß rinnt in Strömen, mein Spaß hält sich temperaturbedingt in Grenzen. Da hat Leo aufmunternde, weil kühlende Worte parat. Das Auerling­köpfl, auf dem wir gerade eine kurze Verschnaufpause einlegen, sei eine be­liebte Skitour der Einheimischen. Wie­der etwas dazugelernt bei meinem er­sten Osttirol-Besuch: Inmitten der grauen Felswände der Lienzer Dolomi­ten gibt es also Skitourenziele — erstaun­lich!. Und, wie ich erfahre, nicht zu knapp. Auch zur Karlsbader Hütte, wo wir heute hin wollen, zieht es die Skitou­rengeher gerne. Leo muss es wissen — mehr Lokalmatador, als es der Gaimber­ger Bergführer ist, geht gar nicht.

Schon am Vortag hatte er mich in Stau­nen versetzt. Wir standen am Gipfel des 3242 Meter hohen Hochschober und blickten über die rasante Nordwand hin­unter ins Schoberkees. »Wenn die Verhält­nisse passen, eine Traumabfahrt«, schwärmt er. Mich überkam leichtes Schaudern. Nein, die Schober-Nordwand würde nicht mein erstes Skitourenziel jen­seits des Felbertauern sein. Traumabfahrt hin, Leo her.

Mein »erstes Mal« fand tatsächlich an­dernorts statt. Es verschlug mich ans »Ende der Welt«. Mit diesen Worten be­grüßte mich jedenfalls Sigi Hatzer am Parkplatz in Ströden. Dort, im Virgental, noch ein Stück hinter dem letzten Ort Prä-graten, nahm ich Sigis flapsige Bemerkung zunächst fast für bare Münze. An diesem Platz würden einander woh tatsächlich Fuchs und Hase »Gute Nacht« wünschen. Ein schöneres Ende der Welt hätte ich mir jedenfalls kaum vorstellen können.

»Mister Großvenediger«

Sigi ist Chef der Venediger-Bergführer von Prägraten. Man könnte ihn durchaus als »Mister Großvenediger« bezeichnen. Über 600 Mal hat er den vielleicht schön­sten Berg Tirols — Nordtirol selbstver­ständlich einbezogen — bereits bestiegen. Doch das ist jetzt nebensächlich, wir ha­ben ja in den folgenden Tagen andere Ziele im Visier. Dermaßen hoch soll es (noch) nicht hinaufgehen.

Wir haben uns die Essener-Rostocker­Hütte als Basislager ausgesucht. Durch das Maurertal geht es einwärts und damit hinein in den Nationalpark Hohe Tauern. Vordere Gubachspitze, Simonyspitzen, Maurerkeesköpfe, Großer Geiger, Großer Happ, Malhamspitze — unser Stützpunkt hat einiges zu bieten. Angesichts solcher Tourenmöglichkeiten wird es hier be­stimmt keinem fad. Dass alle Gipfel die 3000er-Grenze deutlich überspringen, scheint inmitten dieser Kulisse fast eine Selbstverständlichkeit.

Wir nähern uns der Hütte gemütlich und vorsichtig. Hin und wieder passieren wir Abschnitte einzeln — zu steil ragen die Flanken beiderseits des Maurertals em­por. Nach Neuschneefällen lässt man bes­ser einige Zeit die Finger von der Zu­stiegsroute — dazu mahnen allein die Schneemassen, die in den Talboden ge­donnert und liegen geblieben sind. Doch an diesem Tag passen die Verhältnisse wunderbar.

Angekommen auf der »Rostocker« können sich die Augen fast nicht satt se­hen an den gewaltigen Gletscherriesen, die die Szenerie hinter dem Schutzhaus dominieren. Da würde die Wahl in den folgenden Tagen nicht leicht fallen.

Der AV Stützpunkt hat zwei völlig konträre Gesichter. Einerseits das alte, liebliche Gesicht des Steinbaus der Ro­stocker Hütte, dazu das moderne Gesicht der Essener Hütte, die man direkt an die Rostocker angebaut hat. Die Essener be­fand sich früher im Bereich des Umbal­kees, wo sie allerdings gleich zweimal ei­ner Lawine zum Opfer fiel. Hier, an ihrem neuen Platz im Bereich der Seitenmoräne des Simonykees steht sie sicher im Duett mit ihrer lieblich anmutenden »Partne­rin«.

Nichts für Einsteiger

Apropos Lawinen: Die Gletscher des Na­tionalparks Hohe Tauern vor Augen bin ich froh, mit einem Experten unterwegs zu sein. Doch das Gebiet hier sei insofern begünstigt, dass die Temperaturen nach einer Schlechtwetterphase rasch steigen würden, wodurch die Lawinengefahr schnell sinke, klärt mich Sigi auf. An die­sem fast wolkenlosen Märztag genießen wir die wärmenden Strahlen der Früh­lingssonne und erfreuen uns an beinahe idealen Bedingungen. Nun aber nichts wie hinein in die Stube, wir haben einen Schluck Gerstensaft verdient. In der Hütte trifft Sigi einen alten Bekannten.

Sein Bergführerkollege Joe nützt mit ei­nem Gast ebenfalls die Verhältnisse und hält sich für ein paar Tage in der Ro­stocker auf. Es wird noch ein langer Abend … Aber immer wieder unter­bricht Sigi allerdings das gesellige Zu­sammensein und wirft Blicke nach draußen. Keiner kenne sich in der Region besser in Sachen Wetter aus, hatte man mir erzählt. Jedenfalls beobachtet er Sterne und Wolken, prüft die Windrich­tung und stellt abschließend fest: »Mor­gen passt’s!« Das hört man gern.

Und tatsächlich. Wir starten um 7 Uhr in der Morgensonne, die langsam über die Schlüsselspitze drüberklettert. Es geht zunächst Richtung Simonysee, im Nordwesten zeigt das wild zerklüftete Si­monykees seine Zähne. Durch das Kees führt eine Anstiegsroute zur Westlichen und Östlichen Simonyspitze. Dabei han­delt es sich allerdings um ein schweißtrei­bendes Unterfangen. Eleganter ist die Va­riante über das Umbalkees.

Uns steht heute freilich der Sinn nach einer gemütlicheren, leichteren Tour. Die Vordere Gubachspitze soll es sein. Aller­dings – die Bezeichnung »leicht« ist im Gebiet der Essener-Rostocker-Hütte rela­tiv zu werten. Besondere technische Schwierigkeiten erwarten uns zwar nicht – weder im Zustieg noch während der Abfahrt. Aber die Höhe von 3318 Metern und die Gehzeit von etwa vier Stunden sprechen doch eine deutliche Sprache: Einsteiger sind fehl am Platz.

Skiroute »Hoch Tirol«

Es geht zügig empor Richtung Reg­gentörl. Die Blicke schweifen nicht nur zur Vorderen Gubachspitze sondern ebenfalls nach Nordosten zum Großen Geiger und zum Großen Happ. »Wilde Löcher tun sich hier auf.« – Sigi erzählt von den Gott sei Dank ausreichend schneebedeckten Gletscherspalten, über die wir gerade ansteigen.

Am Reggentörl öffnen sich dann Blicke in eine ganz neue Bergwelt. Röt­spitze und Daberspitze bauen sich mäch­tig auf. In etwas Entfernung zeigen sich die Höchsten der Zillertaler Alpen. Und sonst? Bloß Schnee und ewiges Eis, Men­schenleere und eine Stille, die beinahe schon dröhnt … Sigi zeigt hinüber zum Hinteren Umbaltörl. Über diesen Sattel führte früher ein Schmugglerpfad zwi­schen Süd- und Osttirol. Heute stellt das Umbaltörl einen der zahlreichen Über­gänge der »Skiroute Hoch Tirol« dar. Eigentlich befinden wir uns gerade auf ei­nem – kurzen – Abschnitt dieser spekta­kulären Hochgebirgs-Durchquerung im Winter. Sechs Tage lang dauert das Aben­teuer »Hoch Tirol«, das im Südtiroler Kasern startet und in Kals am Großglock­ner endet.

Angesichts der Kulisse, die uns um­gibt, fällt es schwer zu glauben, dass es sich dabei lange nicht um einen der (land­schaftlichen) Höhepunkte dieser »Haute Route« handeln würde. Als mir Sigi aller­dings den weiteren Verlauf schildert, be­steht am Steigerungspotential der Streckenführung kein Zweifel mehr. »Großvenediger« lautet eines der Zau­berworte von »Hoch Tirol«. Müsste man das Prädikat »der schönste Berg Tirols« allein nach der Gleichmäßigkeit seiner Formen, nach der Symmetrie seines Auf­baus und der Gestalt seiner Grate und Wände vergeben, so hätte der Großvene­diger gewiss die Führungsposition inne. Freilich – wie früher einmal geglaubt, bis hinunter nach Venedig lässt es sich nicht blicken von Österreichs vierthöchstem Gipfel. Das wäre wohl zuviel verlangt. Nicht einmal Sigi, dem »Mister Großve­nediger«, ist dieses Kunststück bisher ge­lungen.

Die Symmetrie eines Berges

Der Aufstieg zum Venediger mag schweißtreibend sein, die Abfahrt hinab ins Innergschlöß entschädigt dafür für sämtliche Strapazen. 2000 Höhenmeter trennen Gipfel und Tal – da kennt das Ski­vergnügen beinahe keine Grenzen. Das Innergschlöß selbst setzt der Tour schließlich die Krone auf. Die Osttiroler behaupten nämlich, dass es sich dabei um den schönsten Talschluss der gesamten Ostalpen handle. Tja, man kann dieser Behauptung fast nicht widersprechen.

Die Hoch-Tirol-Route hat ganz zum Schluss noch eine – an Höhe nicht zu übertreffende – Zugabe zu bieten. Die heißt Großglockner und ist allen Kärnt­ner und Salzburger Begehrlichkeiten zum Trotz erwiesenermaßen ein Osttiro­ler Gipfel. Höher empor geht es jedenfalls nicht mehr.

Nach Sigis Hoch-Tirol-Schilderungen fühle ich mich gar nicht gut. Beinahe mickrig kommt mir unsere Tour zur Vor­deren Gubachspitze vor. Vor allem dann, als ich vom Gipfel hinüber zum Venedi­ger blicke. Von dort wird klar: An Gleich­mäßigkeit lässt sich der Großvenediger nicht überbieten. Sogar die Gletscher­spalten wirken symmetrisch angeordnet. Die Abfahrt hinunter zur Essener Hütte reißt mich zum Glück sofort wieder aus meiner kleinen Depression. Außerdem: Streng genommen befinden wir uns ja gerade auf der Hoch-Tirol-Route. Für den folgenden Tag plant Sigi eine Rundtour. Aufstieg zum Südlichen Happ, Abfahrt zum Türmljoch und schließlich durch die steile Südwestrinne hinunter ins Maurer­tal stechen. Klingt verlockend. Joe und sein Begleiter haben sich den Mittleren Maurerkeeskopf vorgenommen. »Wird viel zu wenig begangen«, wundert sich Sigi über die allgemeine Geringschät­zung dieses Bergs.

Ein Schneehuhn als Wetterbote

Während wir uns am frühen Morgen über das Steilstück der so genannten Bergerrampe empor auf ein Plateau arbeiten, se­hen wir Joe und Co. gegenüber zwischen den Eisbrüchen langsam nach oben mar­schieren. Für uns wirkt in dieser Phase ei­gentlich der Große Happ äußerst verlockend, allerdings bleibt es bei der einmal getroffenen Entscheidung. Denn die ermöglicht Firnvergnügen in der Rinne vom Türml.

Zumindest hatten wir Firn einkalku­liert. Abermals begleitet uns die Frühlingssonne, abermals lässt sich – außer Joe und seinem Tourengast in der Ferne – nie­mand blicken. Lediglich ein relativ zah­mes Schneehuhn leistet kurz Gesellschaft »Kein gutes Zeichen«, deutet Sigi die Zu­traulichkeit des gefiederten Gesellen. »Es wird einen Wetterumschwung geben.«

Vorerst trübt jedoch nichts die Sicht vom Südlichen Happ hinüber zum Großvenediger. Wie symmetrisch ange­ordnete Löcher im Käse wirken die Glet­scherspalten im Dorferkees. Wir schwin­gen durch Mulden hinunter zum Türml, dem markanten Felszacken südlich des Türmljochs – unter uns in der Mittags­sonne die Südwestrinne. In der Rinne scheint es tatsächlich aufgefirnt zu haben. Also nichts wie los in das zischende Ver­gnügen! Skigenuss pur, nicht einmal der abschließende kurze Gegenanstieg aus dem Maurertal zur Essener-Rostocker­Hütte kann die Freude beeinträchtigen. Abends verlässt Sigi wieder mehrmals die gemütliche Stube, um seine persönliche Wetterprognose zu erstellen. Sein Ge­sichtsausdruck verheißt nichts Gutes. »Wetterumschwung!« kündigt er an.

Und tatsächlich. Sonne will am Mor­gen über der Schlüsselspitze keine aufge­hen, der Blick nach Süden über das Vir­gental zum dominierenden Lasörling ist getrübt, um die Hütte pfeift kalter Wind. Joe möchte sich von den geänderten Rah­menbedingungen nicht abhalten lassen, die Mittlere Malhamspitze zu besteigen. Wir hingegen entscheiden uns für die Fahrt hinunter nach Ströden, zumal der Wetterbericht für die nächste Zeit wenig Erfreuliches angekündigt hatte. Da mag die Malhamspitze noch so eine phantasti­sche Tour sein.

Das angebliche Ende der Welt in Strö­den strahlte nun jedenfalls eine deutlich größere Anziehungskraft aus, als die wol­kenverhüllten Eisriesen im Nationalpark Hohe Tauern. Die Tourenleckerbissen munden unter blauem Himmel allemal besser. Außerdem: Für die Hoch Tirol-Route hatte ich die Rückkehr über den Felbertauem ins Ski-Tirol ohnehin schon fix eingeplant.

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